„Dieses melancholische und bunt bewegte Dasein“

von Birgit Güll
Dichter, Dandy, Rastloser: Der 1912 verstorbene dänische Schriftsteller Herman Bang ist heute fast vergessen. Im letzten Jahrhundert allerdings hat er, der stets Polarisierende, zahlreiche Autoren beeindruckt und beeinflusst. Davon zeugt ein von Joachim Kersten herausgegebenes Buch, das zum 152. Geburtstag des Dichters, am 20. April, vorliegt: „Herman Bang – Eines Dichters letzte Reise“ ist eine Hommage an den Schriftsteller.

„Kennen Sie den? Mögen Sie ihn so gerne, wie ich ihn immer noch mag?“, schrieb Klaus Mann 1939 in einem Brief an Kurt Hiller über Herman Bang. Mit dem Prosatext „Reise ans Ende der Nacht“ würdigt Klaus Mann den dänischen Autor auf dichterische Art. Auch Friedrich Sieburg hat eine Erzählung über Herman Bang verfasst: „Der Tod eines Dichters“. Beide Texte stehen, zusammen mit Bangs letzter Arbeit „Der große Kahn“, in dem Band: „Herman Bang – Eines Dichters letzte Reise“. Darin findet sich außerdem ein Brief des Schriftstellers an Samuel Fischer und – erstmals auf deutsch – einer an die befreundete Betty Nansen.

Letzte Reise
Bangs letzte Reise – eine Weltreise hätte es werden sollen – führte ihn im Januar 1912 in die USA. Die Schiffsreise von Cuxhaven nach Amerika ist das Thema seiner letzten Erzählung „Der große Kahn“, geschrieben während der Überfahrt. Bangs Ankunft in New York, die Lesung vor der dänischen Gemeinde und seinen Tod, am 29. Januar 1912, auf der Reise nach San Francisco, behandelt Klaus Manns Text. Vom Sterben des dänischen Schriftstellers, irgendwo in Utah erzählt Friedrich Sieburgs „Der Tod eines Dichters“.

„Bangs Gestalt leuchtet so stark auf, dass ich mich tief bewegt fühle von der Erinnerung an das melancholische und bunt bewegte Dasein dieses merkwürdigen Menschen,“ schreibt Bangs deutscher Verleger Samuel Fischer unmittelbar nach dem Tod des Schriftstellers an Peter Nansen.

Dieses „bunt bewegte Dasein“, wie Fischer es nennt, beginnt am 20. April 1857: Auf der dänischen Insel Als wird Herman Bang als Sohn eines Pfarrers geboren. Er ist gerade mal 14 Jahre alt, als seine Mutter 1871 an Tuberkulose stirbt. Den manisch depressiven Vater verliert Bang nur fünf Jahre später. Er beginnt ein Jurastudium, das er lustlos betreibt und abbricht, um sich als Journalist zu verdienen.

„Jetzt lese ich beständig Herman Bang“
Bang hat kein Geld, wird seine Schulden auch zeitlebens nicht loswerden. Dennoch pflegt er einen extravaganten Lebensstil, tritt als Dandy auf: „Er ist ein nervöses, enervierendes, selbst inszeniertes Gesamtkunstwerk ... Er leidet öffentlich voller Genuss, zelebriert seine Homosexualität der Strafbarkeit zum Hohn und wird erpresst“, heißt es in Joachim Kerstens Vorwort. Bangs erstes Buch „Hoffnungslose Geschlechter“ (1880) gerät zum Skandal: Für unsittlich erklärt, wird es beschlagnahmt.

1893 gelingt ihm mit dem Roman „Ludwigshöhe“ der Durchbruch in Skandinavien, wenige Jahre später auch in Deutschland. „Man kennt die Romane des Dänen Herman Bang“, schrieb Rainer Maria Rilke 1902. Und Thomas Mann hatte im selben Jahr an Kurt Martens geschrieben: „Jetzt lese ich beständig Herman Bang, dem ich mich tief verwandt fühle.“

Rastloses Leben
Bang lebt ein rastloses Leben. Er reist, schreibt, hält Vorträge, versucht sich am Theater: „Eine aufs Äußerste gesteigerte Produktivität um den Preis großer Mengen an Alkohol und Drogen“, so Joachim Kersten im Vorwort. Bang leidet unter Depressionen und, als Folge der Drogensucht, auch an epileptischen Anfällen. Im Alter von 33 Jahren hat der Dichter bereits zwei Selbstmordversuche hinter sich. „Er war in Mode, er war verfemt, er war auf der Flucht, verstanden wurde er kaum“, schreibt Kersten.

„Meine Bücher habe ich vergessen, sie werden viel gelesen, es sind reife Früchte, von denen die Traurigkeit wie schweres Öl abtropft“, legt Sieburg Bang in seiner Erzählung „Tod eines Dichters“ diesem in den Mund. Heute ist der einst viel gelesene Däne ein nahezu Unbekannter. Einen Beitrag gegen des Vergessen leistet der schön gestaltete, von Joachim Kersten liebevoll edierte und eingeleitete Band „Herman Bang – Eines Dichters letzte Reise“. In diesem Sinne gilt es, den Schriftsteller wiederzuentdecken. Das Buch ist ein absolut gelungener Einstieg dazu.

Birgit Güll

Joachim Kersten (Hg.): „Herman Bang – Eines Dichters letzte Reise. Drei Erzählungen von Herman Bang, Klaus Mann und Friedrich Sieburg“, Arche Literaturverlag, Hamburg/Zürich, 2009, 18 Euro, ISBN 987-3-7160-2609-0

 

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AutorIn: Birgit Güll  

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