Man hat sich ein schlechtes Geburtsdatum ausgesucht. Seit man lebt, sind die Zeiten groß, aber unangenehm“, resümiert Lili Grüns Romanfigur Elli in „Alles ist Jazz“ ihre Lage. Es ist das Jahr 1930 und die junge Schauspielerin aus Wien sucht ihr Glück in Berlin. Schlechte Zeiten für die ersehnte Karriere am Theater oder beim Film. Wirtschaftskrise und soziale Not bestimmen den Alltag der Menschen: „In der Zeitung steht Arbeitslosigkeit in Amerika, Arbeitslosigkeit in der ganzen Welt. Es steht wenig Trost in den Zeitungen für solche Ellis, nichts steht da von Jugend, Anmut, Talent und Karrieremachen.“
Künstlercafé und politisches Kabarett
Lili Grüns Roman ist ein lebendiges Porträt vom Berlin der Weimarer Republik. Zwischen dem Künstlertreff „Romanisches Café“ und dem billigen Essen in der Suppenküche bewegt sich eine selbstbewusste junge Frau, die ihr Leben in die Hand nimmt. Ein richtiges Engagement ist ihr erklärtes Ziel. Ein Ehemann dagegen ist nicht unbedingt nötig. So lohnt es sich, auf „einen Kerl mit Hirn und Herz“, wie Elli sich ausdrückt, zu warten. Die junge Frau weiß, was sie will und setzt alles daran, ihre Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Gemeinsam mit Freunden – genau wie sie ohne Engagement und ratlos, wie sie die nächste Miete bezahlen sollen – gründet sie das Kabarett „Jazz“: „So wollen wir heißen, so wollen wir sein. Es ist der Rhythmus, der aus unseren Maschinen entstanden ist, der Rhythmus, in dem wir armen Hascherln schlecht und recht groß geworden sind und gehen gelernt haben. Jazz, so wollen wir es ihnen sagen, so wollen wir endlich, endlich zu Worte kommen“, heißt es im Buch. Gesagt, getan: Das Kabarett ist – zumindest anfänglich – ein Erfolg, was zwar weder Geld noch feste Engagements mit sich bringt, doch der Jubel von Publikum und Presse lässt hoffen.
Erlebnisse literarisch verarbeitet
Elli ist glücklich. Mit dem Studenten Robert, ihrer neuen Liebe, kann sie das nicht teilen. Er nimmt die junge Frau nicht ernst – da fällt die Trennung leicht. Schwer zu verkraften dagegen ist der Tod der Freundin Hedwig. Die stirbt mit nur 30 Jahren an Tuberkulose. „Es ist nicht die Krankheit, die Elli aus der schönen Literatur kennt, es ist eine arme, arme Proletarierkrankheit, es ist ein häßliches Siechtum.“ Verzweiflung macht sich breit, doch nicht lange. Elli glaubt, zumindest meistens, an ihr Talent und beschließt: „Am Leben bleiben, am Leben bleiben! Vielleicht gibt es irgendwo in der Zukunft etwas, das man versäumen könnte durch eine voreilige Flucht...“
Was Lili Grün in ihrem herrlichen Roman literarisch verdichtet, hat sie selbst erlebt: 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren, geht die Kaufmannstocher, die schon mit 17 Jahren „Theaterelevin“ als Beruf angibt, nach Berlin. 1931 gründet sie dort gemeinsam mit anderen Künstlern das politische Kabarett „Die Brücke“, wie Anke Heimberg in ihrem aufschlussreichen Nachwort zu dem Roman schreibt. Lili Grün gibt Gedichte zum Besten, einige davon erscheinen in renommierten Zeitungen wie dem „Berliner Tageblatt“, dem „Prager Tageblatt“ oder im Magazin „Tempo“.
Krankheit, Austrofaschismus und Tod
Zurück in Wien versucht Lili Grün ihre Lungenkrankheit zu kurieren und schreibt an dem Roman, der im Frühling 1933 unter dem Titel „Herz über Bord“ im Zsolnay Verlag erscheint. Die Wiener Presse zeigt sich beeindruckt von dem Debüt, das der AvivA Verlag nun unter dem Titel „Alles ist Jazz“ neu aufgelegt hat. Die dokumentarische und literarische Qualität von Grüns Buch sei über jeden Zweifel erhaben, urteilt Robert Neumann Anfang der 1930er in der „Neuen Freien Presse“: „Um diese Lili Grün ist mir nicht bange. Sie wird ihren Weg machen.“
Doch schon im Herbst des Jahres 1933 treibt der Austrofaschismus die Schriftstellerin zur Flucht. Über Prag erreicht sie Paris, aber ihr schlechter Gesundheitszustand und ihre finanzielle Not zwingen sie Anfang 1935 zur Rückkehr nach Wien. Im Herbst des Jahres erscheint ein weiterer Roman, einen letzten bringt der „Wiener Tag“ 1936/37 als Vorabdruck. Mit dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland wird Grüns Lage aussichtslos. Krank und ohne Geld kann sie sich nicht ins Exil retten. Am 1. Juni 1942 wird sie im weißrussischen Maly Trostinec von den Nationalsozialisten ermordet.
Anke Heimberg zeichnet in ihrem Nachwort Lili Grüns Lebensweg nach. Die Herausgeberin beleuchtet eine fast vergessene Schriftstellerin, deren Roman „Herz über Bord“/“Alles ist Jazz“ für sich spricht. Lebendig und frisch ist Lili Grüns Bild vom Künstlerleben am Ende der Weimarer Republik. Mit Elli hat sie eine Heldin geschaffen, die eine neue Frauenrolle lebt und mit aller Kraft auf ein selbstbestimmtes Leben drängt. Der Vergleich mit Autorinnen wir Irmgard Keun, die 1932 mit ihrem „Das kunstseidene Mädchen“ Erfolge feierte, liegt nahe, wurde schon von den Kritikern der Weimarer Republik gezogen. Doch bei allen Parallelen hat Lili Grün eine eigene Stimme. Mit der Neu-Herausgabe des Buches hat der AvivA Verlag dafür gesorgt, dass sie wieder gehört werden kann.
Lili Grün: „Alles ist Jazz“, Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg, AvivA Verlag, Berlin, 2009, 215 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-932338-36-6



Auf beta.vorwaerts.de können Sie sich schon mal die neue Seite von vorwaerts.de anschauen.
Ah ja.
die hühner
Felix Krebs