vorwärts.de: Herr Livaneli, das Schreiben ist Ihre größte Leidenschaft. Wenn Sie über das deutsch-türkische Zusammenleben schreiben würden, welche Bilder würden sich da auftun?
Zülfü Livaneli: Ich kenne Deutschland seit den 70er Jahren. Seit dieser Zeit habe ich eine starke Veränderung dieses Landes beobachten können. Denn die Türken in Deutschland haben sich sehr verändert und damit auch Deutschland. Die Euphorie von Deutschen nach Fußball-Länderspielen beispielsweise: hupende Autoschlangen und wehende Fahnen. Das gab es früher nicht in Deutschland. Ferner sind die Schicksale der Türkei und Deutschlands enger verflochten als man denkt. Im Ersten Weltkrieg haben deutsche Kommandanten im Osmanischen Reich das türkische Heer geleitet. Zur Zeit der Republik-Gründung der Türkei kamen deutsche Professoren mit einem Brief von Einstein an Atatürk in die Türkei. Sie haben das türkische Bildungssystem aufgebaut. Überdies hat Atatürk nach dem Lehrplan des Komponisten Paul Hindemith die Musikhochschulen eingerichtet. Einst die türkischen Gastarbeiter – heute die Gastliteraten auf der Frankfurter Buchmesse. Das ist schon eine interessante Entwicklung.
Faruk Sen, der Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien, wurde heftigst kritisiert, weil er die Türken als „die neuen Juden Europas“ bezeichnete. Wie stehen Sie zu diesem Vergleich?
Wir leben heute in einer völlig anderen Realität. Die Welt hat sich stark verändert. Barack Obama etwa steht wahrscheinlich kurz vor seiner Wahl zum amerikanischen Präsidenten. Einem solchen Vergleich fehlt jegliche Grundlage.
Sie sagen, die CHP (Cumhuriyet Halk Partisi, Republikanische Volkspartei) sei einst die türkische SPD gewesen. Wo steht sie heute?
Die CHP hat mit Sozialdemokratie nichts mehr zu tun. Sie fährt auf einer nationalistischen Schiene. Dadurch hat sie die kurdischstämmigen Wähler verloren. Sie ist auch gegen einen EU-Beitritt der Türkei. Die Gründe für die Abkehr der CHP von ihren Idealen liegen in der Geschichte der Türkei. Während des Militärputsches 1980 wurden Parteien verboten und Parteiführer in Gefängnisse gesteckt. Dabei hat die türkische Demokratie einen ungeheuren Schaden erlitten. Seitdem gibt es eine starke Polarisierung. Das linke und rechte Spektrum hat sich auf andere Zweige verteilt: Islamismus, Nationalismus und Kurden. Ich selbst war 2002 CHP-Abgeordneter. Ich habe versucht, den nationalistischen Weg der CHP zu verändern. Es ging nicht, also erklärte ich meinen Austritt aus der CHP. In der Türkei benehmen sich Parteiführer wie osmanische Könige. Kritik wird überhaupt nicht akzeptiert.
Sie kritisieren die in der Türkei lediglich auf Hedonismus basierende Verwestlichung der Oberschicht. Was meinen Sie konkret damit?
Insbesondere in Istanbul ist der Verfall der Oberschicht spürbar. Im Fernsehen wird deren verschwenderisches Leben gezeigt: teure Autos, teure Yachten, sehr leicht bekleidete Frauen. Das hat eine erschütternde Wirkung auf die anatolische Bevölkerung. Sie wird noch konservativer als sie es ohnehin schon ist. Sie zwingen ihre Töchter, Kopftücher zu tragen, schreiben sie in Korankurse ein – aus Angst ihre Töchter könnten sonst wie diese „Huren“ aus dem Fernsehen werden. Diese sogenannte Elite verwüstet die türkische Gesellschaft.
Der türkische islamische Prediger Fethullah Gülen wird von Amerika als Instrument gegen die Al-Qaida unterstützt. Ist das nicht eine große Gefahr für den Laizismus in der Türkei?
Absolut, die Bush-Regierung will aus der Türkei ein islamistisches Land machen, das ihr nutzen soll. Sie träumt davon, dass die Türkei ein Modell für die anderen islamischen Länder wird. Diese Rechnung kann aber nicht aufgehen. Zum einen hegt die türkische Gesellschaft wegen diesen „Träumereien“ starke Antipathie gegen Amerika wie nie zuvor in der Geschichte. Zum anderen haben die Araber die Türken niemals als Modell genommen. Selbst als die Araber 600 Jahre unter osmanischer Herrschaft waren, mochten die Araber die Türken nicht. Was damals nicht geklappt hat, kann auch jetzt nicht funktionieren. Das ist ein in Washington ausgedachtes Szenario, das auf Kosten des Laizismus der Türkei geht.
An wen müsste sich der Westen im Kampf gegen die Al-Qaida dann wenden?
Amerika und die EU müssten die türkischen Aleviten (eine Religionsgemeinschaft, d. Red) zu Verbündeten machen. Denn das Alevitentum ist die fortschrittlichste, offenste und humanistischste Ausrichtung des Islam. Sie haben leider die falsche Wahl getroffen.
Die Zukunft der Türkei liegt Ihrer Meinung nach in der EU. Zuvor jedoch müsse im Land eine „mentalen Revolution“ stattfinden. Stichwort: Frauen- und Minderheitenrechte. Sind diese realisierbar?
Die Lage ist schwierig, jedoch nicht hoffnungslos. Menschen ändern sich, Länder ändern sich. Ich habe diesen Begriff von Gerhard Schröder übernommen. Er sprach von einer notwendigen „mentalen und kulturellen“ Revolution der Türkei. Das hat er zutreffend beschrieben.
Linke und Gewerkschaften sind derzeit in der Türkei lahmgelegt. Die Mehrheit ist von linker Politik enttäuscht und sieht einzig im Islam das „Allheilmittel“. Links zu sein wird mit Argwohn betrachtet. Wieso?
Die linken Parteien haben sich viele grundsätzliche Fehler geleistet. Weitere Gründe liegen in der Geschichte. Die Menschen in der Türkei waren nach dem „Kalten Krieg“ argwöhnisch bei allem linken. Die antikommunistische Haltung ist seitdem weit verbreitet. Selbst der Schriftsteller Nazim Hikmet, der sowohl Sozialist als auch Patriot war, gilt wegen seiner Nähe zur Sowjetunion immer noch zum Teil als Vaterlandsverräter.
In Ihrem Roman „Glückseligkeit“ heißt es an einer Stelle: „Der Mensch heilt den anderen.“ Ist die „ausgestreckte Hand“ das einzig noch Vernünftige?
Ja, ich komme aus einer Generation, wo die „ausgestreckte Hand“ selbstverständlich war. In der heutigen Zeit wird das eher belächelt, selbst unter Künstlern und Kulturschaffenden gilt Solidarität als aus der Mode gekommen. Stattdessen herrscht die Devise: „Jeder ist sich selbst am nächsten. Erfreue dich an deinem Eigentum und Reichtum.“ Das ist die allgemeine Stimmung auf der Welt.
Sie sagen, den Türken mangele es im Gegensatz zu den Protestanten an einem Schuld-Gefühl. Können Sie das näher erklären?
Die Türken leben vielmehr nach außen gerichtet. Anstatt sich selber zu hinterfragen und Selbstkritik zu üben, wird auf das Meinungsbild des Betrachters größter Wert gelegt. Sie sehen sich primär als Gemeinschaftswesen, weniger als Individuen. Bei den Protestanten gilt das Gegenteil: Sie werden ja als „Sünder“ geboren. Im Hrant-Dink- Prozess (ein armenischer Journalist, der auf offener Straße erschossen wurde, d. Red.) etwa zeigten die faschistischen Mörder keinerlei Reue. Sie machten sich lustig und griffen seine Familie an. Was sind das für Kreaturen? Das „Hineinhorchen ins Gewissen“ und der Wert jedes einzelnen Menschenlebens bildet dagegen im Alevitentum das Glaubensbekenntnis. Weshalb sich Amerika und die EU die Fundamentalisten und nicht die Aleviten als Verbündete genommen haben, verstehe ich bis zum heutigen Tage nicht.
Interview: Selda Göktas
Zülfü Livaneli, Glückseligkeit, Klett-Cotta Verlag 2008, 22,90 Euro, ISBN:3608937927
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