1-Euro-Jobs Abschaffen oder umgestalten

von Susanne Dohrn - 03.01.2010

Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Download finden Sie hier

Viele Jahre hat Esther Schröder als SPD-Landtagsabgeordnete ein Hartz IV-Kontaktbüro betrieben. Nun hat sie für die Friedrich-Ebert-Stiftung 1-Euro-Jobber befragt und darüber eine Studie veröffentlicht.

vorwärts.de: Frau Schröder, Sie haben ausführliche Interviews mit 1-Euro-Jobbern geführt. Warum?

1-Euro-Jobs sind quantitativ das bedeutendste Arbeitsförderinstrument für Langzeitarbeitslose, vor allem in Ostdeutschland. Kritisch hinterfragt wurden sie bisher aus amtlicher und betrieblicher Perspektive. Für eine arbeitsmarktpolitische Bewertung ist jedoch die Sicht der 1-Euro-Jobber selbst unentbehrlich, weil authentisch. Ich lasse sie mit den Interviews ungeschminkt zu Wort kommen und möchte damit Politik und Gesellschaft zum Nachdenken anregen.

Wie empfinden die Beschäftigten Ihre Tätigkeit?

In der Regel sind 1-Euro-Jobber in ihrer Beurteilung der Maßnahmen völlig hin und her gerissen. Einerseits werden 1-Euro-Jobs mangels Beschäftigungsalternative gern angenommen, weil man so endlich wieder einmal raus kommt und den schmalen Hinzuverdienst zur Existenzsicherung braucht. Andererseits aber fühlen sich 1-Euro-Jobber auch ausgenutzt, verweisen kritisch auf Lohndumping und verdrängte reguläre Arbeit und sind oft frustriert, wenn am Ende der Maßnahme eine berufliche Perspektive weiterhin fehlt.

Was ist schief gelaufen, dass 1-Euro-Jobs zur Sackgasse geworden sind?

1-Euro-Jobs werden prima Ratio statt ultima Ratio vergeben, zumeist ohne ein funktionierendes Fallmanagement. Sehr häufig suchen sich Langzeitarbeitslose ihre 1-Euro-Jobs selbst bei Maßnahmeträgern. Dann sind nicht die zu Aktivierenden sondern die Aktiven beschäftigt am zweiten Arbeitsmarkt ohne Nähe zum ersten Arbeitsmarkt. 1-Euro-Jobs sind nicht eingebunden in eine auf die Person zugeschnittene Eingliederungsstrategie; ihre Zuweisung erfolgt en masse ohne Orientierung auf Zielgruppen. Mit dem zweiten, dritten, vierten 1-Euro-Job in Folge wächst der Frust über „Teufelskreise“ in der Hilfebedürftigkeit, aus denen Arbeitsuchende nicht mehr herauskommen.

Was müsste man ändern, damit die 1-Euro-Job ihre Aufgabe erfüllen, Menschen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren?

Im Interesse einer zielgerichteten, effizienten und nachhaltigen Arbeitsförderpolitik sind 1-Euro-Jobs quantitativ zurückzufahren, auf Nachrangigkeit und Zielgruppen zu begrenzen. Eine Zuweisung ohne Potenzialanalyse und echte Eingliederungsvereinbarung verbietet sich. Die Übertragung von Kernaufgaben des zu leistenden Fallmanagements im JobCenter auf Maßnahmeträger ist auszuschließen. 1-Euro-Jobs müssen eng begleitet, am Einsatzort kontrolliert und mit den Beschäftigten ausgewertet werden. Vor allem aber darf gelegentliche Arbeit nicht zur Dauerbeschäftigung werden, die ohne Qualifikationsmodule immer mehr vom ersten Arbeitsmarkt entfernt.

Sollte man die Jobs ganz abschaffen?

Wenn die Änderungsvorschläge in der Praxis keinerlei Berücksichtigung finden, plädiere ich in der Tat für eine Abschaffung der 1-Euro-Jobs. Denn sie konterkarieren den Anspruch der Arbeitsmarktreformen, arbeitslose Menschen in gute Arbeit mittels Fördern und Fordern zu bringen. Völlig neu zu diskutieren ist die Frage, ob und wenn ja für wen zweite oder dritte Arbeitsmärkte gebraucht werden, wie sie ausgestaltet und institutionalisiert sein müssen.

 

Interview: Susanne Dohrn

 

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Channel: Inland  
AutorIn: Susanne Dohrn  

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