Zusammen in einer Bleibe lebt das Paar nicht mehr. Sie ist im AWO-Pflegeheim Kastanienweg 1 in Chrieschwitz untergebracht, er im Haus nebenan in einem kleinen Appartement für betreutes Wohnen. Sie sehen sich, wenn Herr Leskien seine Frau besucht. Zum Kaffeetrinken gegen 15 Uhr und wenn sie Hilfe gebrauchen kann. Sie kann sie oft gebrauchen.
Leben mit Pflegestufe II
Elsa Leskien sitzt im Rollstuhl, beide Beine amputiert wegen der Zuckerkrankheit. Still, ruhig, scheinbar gelassen sitzt sie da, silbern liegt ihr gut frisiertes Haar, den Blick hat sie nach vorn gerichtet. Laut und stolz klingt ihre Stimme, wenn sie mit ihrem Klaus spricht. Ihr Mann ist auch gehandicapt. Es wurden Teile seiner Füße amputiert auch wegen Zucker. Frau Leskien hat Pflegestufe II. Herrn Leskiens Anträge auf Pflege wurden bisher abgelehnt. Er muss allein zurechtkommen. Klaus Leskien, ein kleiner Herr mit freundlichen Augen und einem schönen weichen ostpreußischen Dialekt, kann kaum laufen. Er erträgt es, den Umgang mit ihm und seiner Frau nicht.
Elsa Leskiens Bleibe im fünften Stock des Heimes sieht eher wie ein Krankenzimmer statt einer Wohnung aus. Tisch, Stuhl, Bett mit Haltegriff, ein alter Fernseher, drei Bilder an der Wand und eine schlichte Lampe. Der Vorraum ist die Garderobe. Auf dem Tisch steht ein bisschen Kuchen, zwei Kaffeetassen, darunter Küchenkrepp, damit die Decke nicht befleckt wird. Wenn Elsa Leskien aus dem Fenster schaut, sieht sie auf den nahen Stadtrand, den schönen, dichten Wald. Entspannend ist das. Auch beim Fernsehen erlebt die alte Dame Entspannung. „Volksmusik am Morgen im Bayerischen und die Alpen, diese schöne Landschaft – das ist wirklich schön.“ Raus komme sie ja nicht. Dafür würde sie Helfer brauchen, die gäbe es nicht. Ihr Mann, 76 Jahre, könne auch nicht mehr wie er möchte. Frau Leskien ist seit drei Jahren hier: „Meine Heimatstadt Plauen habe ich seit dem ich hier bin nicht gesehen. Würde gern mal wieder durch die Stadt gerollt werden. Soll sich viel getan habe!
Das Heim ist ordentlich
Im Großen und Ganzen sei das im Heim ordentlich, erzählt Elsa Leskien in versöhnlichem, sachlichem Ton, als säße sie auf einer Couch einer TV-Talkshow. In der Tat; die Gänge, die Aufenthaltsräume, die Wände, die Wiesen, die Bepflanzungen, die Dekorationen, der Eingangsbereich – alles sieht wie in einem Drei-Sterne-Hotel aus. Auf Anschlagtafeln liest man von Programmen und Musik und Kino. Im ausliegenden Heft des Betreibers AWO erfährt man, wie die Landesgeschäftsführerin von hochwertiger Arbeit in der Pflege spricht.
„Die Rentner werden ausgenommen wie eine Weihnachtsgans“, schimpft die Rentnerin dann aber auf Touren kommend auf die Politik. Sie rechnet ihr Budget vor, die allzu kleine Rente, weil sie hart als Stepperin zu Hause arbeitete, aber nicht viel verdiente. Alles sei nun weg, alles gehe zusammen mit dem Pflegegeld für das Heim drauf. „100 Euro Taschengeld bleiben. Wäre gut, wenn ich das für meine Sachen ausgeben könnte. Doch ich muss selbst das bezahlen, was zur Pflege dazugehören müsste.“ Pflaster, Toilettenpapier, Intimcreme, Medikamente, Seife – vom Taschengeld. Die Wundsalbe koste 14 Euro die Tube. Selbst die Pfleger auf der Etage hätten kein Pflaster oder Zellfleckchen für die Stiche beim Spritzen. „Muss ich selbst kaufen.“ Auch die internen Telefonate von Haus zu Haus im Heim seien kostenpflichtig. Eine Art interne Leitung gäbe es nicht.
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