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Vorwärts und nicht vergessen

Vera Rosigkeit • 05. September 2009

Eine spannungsreiche Beziehung: der Parteivorsitzende Willy Brandt mit dem Vorwärts
Eine spannungsreiche Beziehung: der Parteivorsitzende Willy Brandt mit dem Vorwärts (Foto: J.H. Darchinger)

Welche Aufgabe hat eine Zeitung, die auf Beschluss eines Parteitages als "Zentralorgan“ gegründet wurde? Ist sie „Sprachrohr des Parteivorstandes“, Diskussionsforum oder kritischer Begleiter der allgemeinen Parteilinie? Das sind Fragen, die den „vorwärts“ seit seiner Gründung am 1. Oktober 1876 beschäftigen.

Die beiden Chefredakteure und Gründungsväter des „vorwärts“, Wilhelm Liebknecht [1] und Wilhelm Hasenclever [2], mögen anderer Ansicht als der damalige Parteivorsitzende August Bebel [3] gewesen sein, für den war die Sache auf jeden Fall klar: Die Parteizeitung ist Sprachrohr. Dass diese Frage noch 130 Jahre später aktuell sein wird, zeigt der Beitrag des SPD-Parteivorsitzenden Kurt Beck [4] im Jahre 2006 anlässlich einer Sonderausgabe zum damaligen vorwärts-Jubiläum: „Auch Gegenmeinungen werden ihren Platz im „vorwärts“ haben“, heißt es da.

Publikationsverbot

Konträre Ansichten zu vertreten war dem „vorwärts“ nie fremd. „Dissidentische Machenschaften“ wurden den Redakteuren immer wieder vorgeworfen – mit mäßigem Erfolg. Mehrmals versuchten die Herrschenden den „vorwärts“ mundtot zu machen, etwa im Kaiserreich durch die Bismarcksche Sozialistengesetze von 1878-1890. Die Folge war ein Publikationsverbot, was jedoch nur kurz währte. Bereits 1879 wanderte der „vorwärts“ aus ins Exil nach Zürich. Von dort aus versorgte er unter dem Pseudonym „Sozialdemokrat“ [5] seine Leserschaft mit aktuellen Informationen und sozialdemokratischen Leitideen.

Ähnliches Schicksal ereilte den „vorwärts“ in der Zeit des Nationalsozialismus. Auslöser für das Verbot war eine Karikatur Erich Ohsers [6]. Erneut mussten die Kreativköpfe ins Ausland fliehen [7]. Dieses Mal ging es erst nach Prag und später nach Paris. Wieder schmuggelten sie ihre Ideen und Überzeugungen nach Deutschland, jetzt verpackt im Namen „Neuer Vorwärts [8]“.

Aus heutiger Sicht

In Zeiten der Flucht [7] erfüllte der vorwärts lebensrettende Funktion als geistiges Bindeglied. Welche Rolle der „vorwärts“ heute spielt, wird weiterhin diskutiert. "Die Mitglieder erwarten keinen Verkündigungs-Journalismus. Sie wollen nicht wissen, was sie zu denken haben. Sie wollen auch keine Hofberichterstattung", schrieb Erhard Eppler [9] 2001 und sprach von der „Quadratur des Kreises: "Kritisch soll er sein, aber loyal, Argumente liefern, aber keine Hofberichterstattung, Position beziehen, aber unabhängig bleiben. Der Medienwissenschaftler Michael Haller [10] formulierte so: „In der offenen Gesellschaft kommt es auf Offenheit an, auf die Transparenz der Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse.“

2006 hieß Hubertus Heil als SPD-Generalsekretär und Herausgeber des vorwärts Uwe-Karsten Heye [11] als Chefredakteur willkommen und wünschte dem „vorwärts“ für die kommende Zeit „neue Impulse und eine Öffnung für gesellschaftliche Gruppen außerhalb der SPD“. Dies sei jedoch nur möglich, wenn der „vorwärts“ „mehr journalistische Freiräume und Gedankenfreiheit [12]“ bekomme. 

Im Herbst 2010 trat Uwe Knüpfer die Nachfolge von Uwe-Karsten Heye an. SPD-Generalsekretärin und vorwärts-Herausgeberin Andrea Nahles nannte die Berufung des ehemaligen WAZ-Chefredakteurs „ein Bekenntnis der Parteiführung zur zentralen Rolle des ‚vorwärts’ für die Partei bei der Belebung der Debattenkultur innerhalb und außerhalb der SPD [13]“.

Seit dem 1. Januar 2013 ist Karin Nink neue Chefredakteurin des vorwärts.

Der „vorwärts“ hat heute seinen Sitz im „Paul-Singer-Haus [14]“ in der Stresemannstraße im Berliner Bezirk Kreuzberg.

Literaturhinweis: Zwei Rezensionen zu Büchern, in denen die wechselvolle Geschichte des sozialdemokratischen „Vorwärts“ beschreiben ist, finden Sie hier:

Jens Scholten: Zwischen Markt und Parteiräson. [15] Die Unternehmensgeschichte des "Vorwärts" 1948-1989. Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen, Schriftenreihe A, Darstellungen, Band 40. Lieferbar, erschienen am 15.10.2008, 410 Seiten, Abb., Euro 39,90, ISBN 978-3-89861-863-2

Hermann Schueler: Trotz alledem. [15]Der Vorwärts - Chronist des anderen Deutschlands. 655 Seiten, mit vielen s/w-Abb. Hardcover mit SU, 16,8 x 22,4 cm. ISBN: 978-3-86602-790-9.Preis: 28,00 Euro

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