Bremens früherer Bürgermeister schreibt ein Buch nach dem anderen über das Alter. Er strahlt einen Optimismus aus, der ansteckt.
„Wer nach vorne schaut, bleibt länger jung“ heißt Ihr aktuelles Buch. Wie schafft man das mit Mitte 70?
Was ich erlebt habe, begleitet mich. Ich hänge an dem, was ich gemacht habe. Aber im positiven Sinne regt mich das auf, was vor mir liegt.
Haben Sie sich auf die Zeit nach der Politik vorbereitet?
Ich habe schon vorher Aufgaben übernommen, von denen ich wusste, dass sie erst richtig spannend sind, wenn ich mehr Zeit dafür habe. Zum Beispiel singe ich im Chor. Das schwarze Loch ist mir nicht begegnet.
Weil Sie mit Volldampf weitergemacht haben?
Ich habe etwas anderes gemacht und das mit Lust. Ich schreibe Bücher und halte mehr Vorträge vor volleren Sälen als während meiner Zeit als Politiker.
Also nicht im Ruhe- sondern im Unruhestand?
Das Wort Ruhestand ist bescheuert. Unruhestand ist nicht viel besser. Es ist ein geschenkter großer Lebensabschnitt dank einer spektakulär verlängerten Lebenszeit. Den zu gestalten ist eine Chance für alle, weil die Zivilgesellschaft plötzlich Menschen hat, die sich mit ihrer Lebenserfahrung einmischen wollen.
Was raten Sie anderen?
Warte nicht, bis andere auf dich zugehen. Ich garantiere dir: Wenn du drei oder vier Leute angesprochen hast, werden zwei sagen: Wir freuen uns auf dich. Inzwischen arbeitet mehr als die Hälfte der 60- bis 70-Jährigen ehrenamtlich. Die anderen 50 Prozent, die noch nicht wissen, wie gut es ihnen tut, erreichen wir hoffentlich auch noch.
Was ist aus Ihrer Sicht das Wichtigste für ein gutes Leben im Alter?
Nicht allein bleiben. Nicht einsam werden. Andere Menschen finden. Wenn der Partner stirbt, nicht aufgeben, sondern mit anderen zusammen die Zeit zu gestalten, darauf kommt es an.
Und am Ende kommt doch das Heim?
In Bremen stehen 1000 Pflegebetten leer, weil die Leute da alt werden wollen, wo sie zu Hause sind. Da muss man als Kommunal- und Sozialpolitiker zuhören und sagen: Wenn ihr das wollt, schaffen wir Strukturen, die das ermöglichen.
Sie haben den Vorsitz einer überparteilichen Kommission, die einen Aktionsplan gegen Altersdiskriminierung erarbeiten soll. Wie groß ist das Problem?
Riesig. Es geht quer durch die Gesetzgebung, die Tarifverträge, die Einstellungspraxis. Das führt dazu, dass die Leute nicht nach ihren Qualifikationen beschäftigt werden, sondern danach, ob sie jung genug oder noch nicht zu alt sind. Das ist alles fragwürdig.
Fehlt es nicht eher an Chancen für die Jungen?
Das ist von gestern. Wir suchen allein in Bremen 600 Ingenieure. Wo ich hinkomme, klagen Unternehmen, dass sie keinen Nachwuchs finden. Bei so einer Lage jungen Leuten zu erzählen, sie hätten keine Chancen, ist bösartig.
Nehmen die Alten, wenn sie länger arbeiten, den Jungen die Jobs weg?
Nein, die müssen länger arbeiten, weil wir einen dramatischen Fachkräftemangel haben. Ich kenne Firmen, die Aufträge zurückweisen müssen, weil sie keine Leute haben.
Länger arbeiten sehen Sie also positiv?
Die große Mehrheit der Berufe bedeutet Sozialkontakte, Anerkennung. Deshalb wünsche ich mir, dass die Gewerkschaften und Betriebsräte beim Umsteuern helfen, so dass die Betriebe eine kluge Mischung zwischen Jungen, Mittelalten und Älteren haben und auf die unterschiedlichen Lebenslagen eingehen – den Stress von Eltern mit kleinen Kindern ebenso wie auf die, die aufgrund ihres Alters körperlich nicht mehr alles reißen können.
Ist das hohe Alter für Sie etwas Bedrohliches?
Ich will davor nicht weglaufen. Irgendwann, das weiß ich, wird alles mühseliger.
In einer Zeitung haben Sie darüber gesprochen, wie Sie sterben wollen. Warum?
Es ist für viele eine Hilfe, wenn sie von anderen hören, wie die mit ihren Sterbeängsten umgehen. Ich finde, man sollte sterben dürfen, wo man zu Hause ist, umgeben von vertrauten Menschen. Es ist wunderbar, wenn Kinder dabei sind, auch ganz kleine, die das noch gar nicht kapieren. Wir sind da falsch gepolt: Wir tragen eine Trauerliturgie vor uns her, alle kommen nur noch mit Kerzen und Taschentüchern. Mein Wunsch ist, dass ich mitten im Leben sterben darf. Ich wünsche mir, dass wir kapieren: Der Tod gehört zum Leben dazu.







