Wertfrei war Sport nie, sagt der Historiker Daniel Koerfer. Im Interview mit vorwärts.de erklärt der Professor und Buchautorie sich das Verhältnis von Sport und Politik entwickelte.
Herr Koerfer, die bevorstehende Fußball-EM in der Ukraine lenkt den Blick darauf, wie verwoben Sport und Politik sind. Ist das Phänomen neu?
Nein, die Vermischung von Sport und Politik ist der Ausgangspunkt des modernen Sports.
Wie das?
Es fängt mit Turnvater Jahn an. Dieser Mann ist, nach der Doppelschlacht in Jena und Auerstedt 1806, so stark von dem Furor gegen die Franzosen, gegen Napoleon, angetrieben, dass er sagt: Wir Deutschen müssen etwas tun, wir müssen körperlich tüchtiger werden. Jahn gründet die berühmte deutsche Turnerbewegung. 1817 verbrennen Jahn und andere Turner auf dem Wartburgfest Schriften reaktionärer Monarchisten. Daraufhin werden die Turnerschaften in Deutschland verboten und Jahn kommt fünf Jahre in Haft. Erst 1840 wird er in Preußen rehabilitiert, um diese Zeit wird Sport auch ein Schulfach. Da hat sich Sport in die Politik eingemischt, wurde von der Politik gemaßregelt und am Schluss wieder in die Gesellschaft hineingeholt. Es gibt keinen wertfreien Sport seither. Der Sport ist immer Teil der Gesellschaft und Teil der politisch-sozialen Realität.
Im Nationalsozialismus wurde die Instrumentalisierung von Sport auf die Spitze getrieben.
Die NS-Zeit ist das klassische Beispiel für die Instrumentalisierung des Sports. „Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde“ – das war Hitlers Idealbild der deutschen Jugend. Und die sollte sich auf dem Sportfeld soweit ertüchtigen, dass sie gute Soldaten abgibt.
Wie bei Turnvater Jahn, oder?
Die Pervertierung seines Gedankens. Turnvater Jahn wollte das Land von Besatzern befreien, Hitler verfolgte rassenpolitische Ziele. Bei Hitler kam außerdem noch ein Faktor hinzu: die Propaganda. Die Olympischen Spiele von 1936 waren die erfolgreichste Propagandaveranstaltung des 3. Reichs, weil sie der Welt ein Bild Deutschlands als weltläufiger, moderner Staat präsentierten. Real herrschte schon damals ein Apartheidsstaat, in dem Juden, aber auch Homosexuelle, Zigeuner, Sozialdemokraten, Kommunisten massiv ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden. Für Olympia wurde die Judenverfolgung ausgeblendet, ausgrenzende Schilder abmontiert, eine Tarnwelt aufgebaut, die signalisieren sollte: Deutschland ist modern, nicht gefährlich, nicht bedrohlich, nicht expansiv.
Den Versuch, für die Weltöffentlichkeit eine schöneres Bild als das reale zu zeichnen, haben andere Staaten später auch unternommen.
Mit unterschiedlichem Ergebnis: Nehmen Sie die Olympischen Spiele 1980 in Moskau und 2008 in Peking. In Russland gab es einen Boykott durch westliche Länder, in China nicht. Beide Male hatten die Propaganda-Apparate versucht, einen Boykott zu verhindern.
Warum ist das in China gelungen?
Die Olympischen Spiele in Moskau waren nur ein Jahr nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan. Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking hingegen lag 2008 schon rund 20 Jahre zurück. Das kollektive Gedächtnis spielt eine Rolle dabei, ob Ablenkung funktioniert.
Wo verläuft die Grenze zur Propaganda?
Propaganda ist eigentlich immer dabei. Egal ob es einen Wettbewerb der staatlichen Systeme gibt oder nur ein Land, das sich präsentieren und in der Welt einen guten Eindruck machen will.
Sportfunktionäre argumentieren, sie könnten politische Beeinflussung abwehren.
Das ist eine Milchmädchenrechnung. Es werden immer Bilder in die Welt transportiert, heute medial zigfach verstärkt. Grundsätzlich wird Sport immer benutzt, von jeder Seite.
Die urkainische Opposition rund um Julia Timoschenko erfährt derzeit eine Aufmerksamkeit, die ihr ohne die EM voraussichtlich nicht zuteil geworden wäre.
Das Schlimme ist: Nach der EM wird das Interesse wahrscheinlich abflauen.
Wie sah das Verhältnis zwischen Politik und Sport nach 1945 in Deutschland aus?
Das war ein Wettkampf der Systeme. Jedes sportliche Aufeinandertreffen war eine Kräftemessen zwischen Westen und Osten, zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Man sagte: Ein Sieg der DDR im Fußball oder ein gewonnener Wettlauf ist mehr wert als ein Jahr Planerfüllung bei der Traktorenproduktion.
Wie wirkte sich dieser massive Erfolgsdruck aus?
Das belastet natürlich den Sportler, mancher war wohl auch beflügelt. Aber die antraten wussten, dass sie für ein Prinzip kämpfen mussten. Wenn sie scheiterten, scheiterte praktisch das System. Je nach Ausgang war mit Sanktionen oder Begünstigungen zu rechnen. Wer gut spielte bekam ein Auto, auf das andere 30 Jahre warten mussten, wer verlor, dem drohte sogar die Verhaftung.
Bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern fiel die deutsche Politik noch eher durch Zurückhaltung auf.
Vor dem Turnier gab es eine Verabschiedung der Mannschaft. Und Bundespräsident Theodor Heuss sagte den schönen Satz: „Nun siegt mal schön.“ Sehr leger.
Als wäre ein Sieg nicht so wichtig.
Das war auf jeden Fall noch eine andere Haltung zum Sport als später, wenn Bundeskanzler in die Kabinen der deutschen Mannschaft gehen, um zum Sieg zu gratulieren oder zu trösten.
Seit wann machen Bundeskanzler so etwas?
Seit 1990. Als Deutschland die Fußball-WM in Italien gewann, ging Helmut Kohl in die Kabine. So etwas war erst nach der Wiedervereinigung möglich.
Wenn die deutsche Bundeskanzlerin mit Schirmkappe und Freizeithemd im Stadion sitzt, ist das politisch oder einfach eine Frau, die Fußball guckt?
Nein, das ist immer politisch, ebenso wenn Sigmar Gabriel drei Reihen weiter sitzt.
Solche Besuche sind der – ich möchte sagen nutzlose– Versuch, aus der Sporteuphorie irgendwelches Wasser auf die eigenen Mühlen zu leiten.
Sie unterstellen also immer Kalkül?
Natürlich, Frau Merkel hat sich vor ihrer Kanzlerschaft kein bisschen für Fußball interessiert.
Professor Daniel Koerfer, Historiker und Buchautor, lehrt als Honorarprofessor Geschichte an der Freien Universität Berlin.
Buchtipp:
Daniel Koerfer
Hertha unter dem Hakenkreuz
Ein Berliner Fußballclub im Dritten Reich
Verlag Die Werkstatt, Berlin 2009, 288 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 9783895336447







