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Nichts geht mehr

Uwe Knüpfer • 18. September 2012

Karikatur: Wolfgang Horsch
Karikatur: Wolfgang Horsch

Yes, we can!“ rief Barack Obama vor vier Jahren seinen Wählern und der Welt zu. „Nein, das war zu wenig,“, stellen nicht nur Obamas Gegner heute fest. Welche Heilserwartungen schlugen Obama vor vier Jahren entgegen! Als würde nicht ein Präsident der USA gewählt, sondern ein Weltenretter. Europa warf ihm als Vorschusslorbeerkranz den Friedensnobelpreis zu. Sozialdemokraten studierten Obamas Botschaften, seine Auftritte, seine direkte Art der Kommunikation.

Vier Jahre später: Ernüchterung wäre normal, ja gesund. Aus Obama, dem Erlöser, ist ein ganz normaler US-Präsident geworden. Einer, der um seine Wiederwahl bangt. Aber zur Ernüchterung tritt eine tiefe Enttäuschung. Obama hat zentrale Wahlversprechen nicht gehalten. Das Lager in Guantanamo existiert noch immer. Im Inland verrotten Städte und Schulen, Millionen Amerikaner haben ihr Haus verloren, bangen um ihre Altersversorgung. Obamas große Gesundheitsreform ist am Ende nur mittelgroß ausgefallen. Sein Werben um die islamische Welt: nicht ernst genommen. Seine Hoffnung auf Frieden in Nahost: lächerlich gemacht. Sein Anlauf, die globalen Finanzmärkte zu zähmen: gestoppt – von denen, die den Politikbetrieb der US-Parteien aushalten: den Geldhäusern an der Wall Street.

Für Nachkriegseuropäer waren die USA das große Vorbild. Wer sich an der Politik der dort Regierenden rieb, konnte immer noch voller Bewunderung auf Amerikas kritische Studenten, seine bunte Graswurzelbewegung, auf kreative Musiker blicken. 2012 fällt der Gitarrist Ry Cooder schon deshalb auf, weil er in einer Wüste unpolitischer Populärkulturproduktionen über die Republikaner und ihren Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney herzieht. Ry Cooder macht „Mutt Romney“ aus ihm, was soviel wie „Kläffer“ oder „Döskopp“ heißt.

Gut möglich, dass eine Mehrheit der wählenden US-Amerikaner dem „Döskopp“ am 6. November ihre Stimmen gibt. Einmal mehr werden, wenn es so kommt,  wir ach so klugen Europäer unsere grauen Häupter wiegen: Ach, die USA, was sind sie für ein komischer Staat! Einer, der seinen Bürgern größtmögliche Freiheiten und Sicherheit garantiert – und den dennoch viele Amerikaner so schwach wie möglich halten wollen.

Die USA sehen sich als Land der Freien. Dieser Mythos ist lebendig. Gemeint ist im Kern die Freiheit von Bevormundung; durch Obrigkeiten, Institutionen, Bürokratien. Dass erst staatliches Handeln jedem Einzelnen den Freiraum sichert, aus seinem Leben das Beste zu machen, vergessen Amerikaner gern. 

Leider bietet Europa Obamas Demokraten derzeit kein leuchtendes Vorbild. Die Europäische Union hat diesem Kontinent Frieden, Freiheit und Wohlstand beschert. Ältere reiben sich noch immer verdutzt die Augen: So glücklich war Europa nie wie in den letzten sechs Jahrzehnten. Doch die Nachgeborenen scheint die Vorstellung einer Rückkehr in die Welt der Nationalstaaten nicht zu erschrecken. In Griechenland, in der CSU, ja sogar in den so weltoffenen Niederlanden sammeln Europakritiker Punkte. Über die mögliche Aufgabe des Euro wird geplaudert, als ginge es um den Kauf von Spielchips im Casino. Die Welt sei zu komplex geworden, um sie von Demokraten regieren zu lassen, raunen manche. Vertun wir uns nicht: Längst ist ein Generalangriff im Gange auf alles, wofür Sozialdemokraten 150 Jahre lang gestritten haben – nicht selten unter Einsatz ihres Lebens. Die vielbeschworenen „westlichen Werte“, das sind die Grundwerte der Sozialdemokratie. Es ist höchste Zeit, sie wieder zum Strahlen zu bringen. Und für sie zu kämpfen. 

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