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"In der Causa Iran herrscht viel Irrationalität"

Ramon Schack • 14. June 2012

Iran: Der Falsche Krieg
Iran: Der Falsche Krieg (Foto: C.H.Beck)

Michael Lüders gilt als einer der bekannstesten Nahost-Experten. Im Vorwort seines neuen Buches warnt er vor den Folgen eines Iran-Kriegs, die dieses Jahrhundert prägen könnten wie der Erste Weltkrieg das vorige geprägt hat.

vorwärts.de: Herr Dr. Lüders, von dem bekannten israelischen Militärhistoriker Martin van Creveld stammt der Satz: "Israel kann mit einer iranischen Bombe leben!". Teilen Sie diese Einschätzung?

Michael Lüders: Der Nahe und Mittlere Osten braucht weder israelische noch iranische Atombomben. Israelische wie auch US-amerikanische Geheimdienste und Militärkreise gehen nicht davon aus, dass der Iran nach der Atombombe strebt. Die Atomfrage ist ein politisches Mittel zum Zweck, um die Regionalmacht Iran in die Schranken zu weisen - bis hin zum Regimewechsel.

Weshalb finden die Positionen Crevelds, wie auch die anderer hochrangiger Experten und Militärs in Israel, ein so geringes Echo bei der Regierung Netanjahu und in den westlichen Medien?

In der Causa Iran herrscht viel Irrationalität. Die sehr einflussreiche, mit Netanjahu verbündete Israel-Lobby in den USA verfolgt zwei Ziele: Den Iran militärisch und politisch zu neutralisieren sowie die Gründung eines palästinensischen Staates zu verhindern. Westliche Medien übernehmen vielfach unkritisch die offizielle israelische Sichtweise. In Deutschland kommt hinzu, dass Kritik an Israel generell unter Antisemitismusverdacht steht. Wer die Dinge beim Namen nennt, siehe Günther Grass, muss bereit sein, mit den Folgen zu leben.

Ihr neues Buch "Iran: Der falsche Krieg" trägt den Untertitel "Wie der Westen seien Zukunft verspielt". Weshalb sollte der Westen seine Zukunft im Fall eines Angriffes auf den Iran verspielen? Die militärische Überlegenheit der USA oder Israels ist doch erdrückend?

Militärisch sind die USA und Israel dem Iran vielfach überlegen. Aber ein Angriff auf den Iran bedeutet, den Nahen und Mittleren Osten insgesamt in Brand zu stecken. Die Iraner wissen um ihre militärische Unterlegenheit und werden "asymmetrisch" reagieren, etwa in Form von Terroranschlägen. Die Ölpreise würden explodieren, die Auswirkungen des Krieges  würden den Südkaukasus und Zentralasien ebenso erfassen wie Libanon, Syrien, Iran und die Golfstaaten. Russland und China würden im Kriegsfall Teheran unterstützen, die USA, Deutschland und andere westliche Staaten Israel. Damit droht eine direkte Konfrontation mehrerer Großmächte.

Im Westen wird das Regime in Teheran wegen der Situation der Menschenrechte kritisiert.

Menschenrechtsverletzungen werden nur dann zur Waffe westlicher Politik geschmiedet, wenn es darum geht, eigenen machtpolitische Interessen durchzusetzen.

Erleben wir das gerade am Beispiel Syrien?

Das syrische Regime steht in der Sache völlig zu Recht am Pranger, das in Bahrein wird mit stillschweigendem Einverständnis bedacht, obwohl auch dort die Demokratiebewegung gewaltsam niedergeschlagen wurde. Der Grund für das Schweigen: Das Regime in Bahrein ist pro-westlich, in Bahrein ist die 5. US Flotte stationiert, zuständig für den Persischen Golf.

Ein Kapitel in Ihrem Buch lautet "Israel und wir: Plädoyer für einen anderen Blick". Sind Sie der Überzeugung, dass in Israel über dieses Thema wesentlich kontroverser diskutiert wird als beispielsweise in Deutschland? Und wenn ja, warum?

Innerhalb der politischen Klasse in Deutschland und der Leitartikler gilt Kritik an Israel als unangemessen - wird sie geäußert, so in der Regel äußerst vorsichtig. In Israel selbst wird die Regierung Netanjahu sehr kritisch gesehen. In Deutschland nicht. Die Ebene der Entscheidungsträger verwechselt Solidarität mit Israel mit Nibelungentreue.

Im Nahen und mittleren Osten wächst der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten, also der Stellvertreterkrieg zwischen dem Iran und Saudi-Arabien. Weshalb thematisiert der Westen die Menschenrechtsverletzungen in Syrien permanent, schweigt aber über die Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien?

Die Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien könnten besser nicht sein. Wirtschaftliche Interesse, Saudi-Arabien ist der weltgrößte Erdölproduzent, stehen über rechtsstaatlichen Erwägungen. Zumal Riad uneingeschränkt pro-westlich ausgerichtet ist.


Michael Lüders: "Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt"

Verlag C.H. Beck, 175 Seiten, 14,95 Euro
ISBN 978-3-406-64026-1

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