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Icon   Rezension; Aygen-Sibel Çelik: "Seidenweg"

Integriert, nicht akzeptiert

Tomas Unglaube • 15. August 2012

Ueberreuter Verlag
(Foto: Ueberreuter Verlag)

Über 1,6 Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürger türkischer Herkunft leben in Deutschland. Diese Zahl steigt. Gleichzeitig nimmt die Zahl derer zu, die Deutschland verlassen. Gerade junge, hochqualifizierte Deutschtürken der dritten Generation wählen diesen Weg. Gründe hierfür beleuchtet Aygen-Sibel Çeliks Jugendroman „Seidenweg. Sinems Entscheidung“.

Sinem, die 17 Jahre alte Protagonistin aus Çeliks Roman "Seidenweg", ist das, was man gemeinhin als „gut integriert“ bezeichnet. Ihr Vater ist Akademiker, sie lebt zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder in Frankfurt am Main und bereitet sich zielstrebig auf das Abitur vor. Sie hat deutsche Freunde und ist in der Schule beliebt.

Deutschland ist ihr Zuhause. Dass ihre Vorfahren nicht aus Deutschland stammen, war für Sinem bislang ohne Bedeutung. Das ändert sich, als die junge Frau ausgerechnet in Deutsch, ihrem Lieblingsfach, einen neuen, offensichtlich ausländerfeindlichen Lehrer bekommt, der sie systematisch benachteiligt. Hinzu kommt, dass ihr Vater anfängt ihre Kontakte zu jungen Männern zu kontrollieren. Sinem beginnt ihre Situation stärker zu reflektieren.

Diskriminierung hat eine lange Tradition

Die Überlegungen der 17-Jährigen und die Erzählungen ihres Vaters, in denen dieser ausführlich seine Geschichte und die seiner Eltern schildert, führen Sinem zu dem Schluss, dass die erlebten Diskriminierungen eine lange Tradition haben. Ihr „Hiersein“, wie sie es nennt, ist nicht so selbstverständlich, wie es ihr bislang erschien. Zunehmend fühlt Sinem den Druck sich zu rechtfertigen.

Obwohl sie erlebt, dass ihr in der Schule gegen die Benachteiligungen geholfen wird, beschließt Sinem zu probieren, ob sie nach dem Abitur in Istanbul glücklicher leben kann. Sie macht in den Sommerferien ein Praktikum in der türkischen Metropole und muss erfahren, dass das Leben in der Türkei nicht problemlos für sie ist. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ihr Türkisch nicht gut genug ist.

Kulturelle Vielfalt als Chance begreifen

Aygen-Sibel Çelik, die selbst seit ihrem zweiten Lebensjahr in Deutschland lebt, zeigt in „Seidenweg“, wie schwierig auch gut integrierte, gebildete Deutschtürken in der dritten Generation es in Deutschland haben. Das hat nicht nur mit der offensichtlichen Ausländerfeindlichkeit zu tun, die die Autorin an der Figur des Deutschlehrers recht klischeehaft zeigt.

Gravierender ist, dass die große Mehrheit der Deutschen kulturelle Vielfalt noch immer eher als Bedrohung denn als Chance begreift. Sinems Wunsch, in beiden Kulturen gleichermaßen heimisch zu sein, bleibt vorerst eine Utopie.

Auch wenn die Botschaft des Romans bisweilen etwas direkt rüberkommt, vermittelt Çeliks „Seidenweg. Sinems Entscheidung“ einen spannenden Einblick in die komplizierte Identitätssuche junger Deutschtürken.

Für den Einsatz des Romans in der Schule gibt es bei www.ueberreuter.at ein 12-seitiges Unterrichtsmodell.

Aygen-Sibel Çelik: "Seidenweg. Sinems Entscheidung", Ueberreuter Verlag, Wien 2012, 144 Seiten, ab 14 Jahren, 12,95 Euro, ISBN 978-3-8000-5667-5

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