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Icon   Rezension; Gunnar Hinck: "Wir waren wie Maschinen"

Was aus den 68ern geworden ist

Sibylle Plogstedt • 10. August 2012

Rotbuch Verlag
(Foto: Rotbuch Verlag)

Eigentlich sei zum Thema 1968 schon alles gesagt, schreibt Gunnar Hinck in seinem Buch „Wir waren wie Maschinen“. Diesen Satz streichen, denke ich beim Lesen, denn schließlich hat Hinck mehr als 400 Seiten zu Papier gebracht. Eine vertane Lesezeit? Der Anfang scheint das nahezulegen. Alles sei lange vor den 68ern gedacht und vorbereitet worden. Etwas oberlehrerhaft breitet Hinck zunächst über viele Seiten aus, was nun mal die Gnade aller Spätergeborenen ist: Dass sie mit Wissen umgehen können, dessen Gewichtung den Zeitzeugen nicht klar war.

Spannend dagegen ist Hincks biographischer Ansatz der Interviews. Aus den Gesprächen kristallisiert sich das Schicksal einer Generation, deren Väter ihre Niederlage im Zweiten Weltkrieg nicht verkraftet haben oder gar nicht zurück nach Hause kamen. Viele sehnten sich nach Vätern, die ihnen den Weg zeigen. Folgt man Hincks These ist das der Grund, warum sie sich an die Alphapersonen der eigenen Generation lehnten und ihnen als Leitfiguren erhebliche Macht gaben. Diese Identifikation habe ein Aufgeben der ursprünglichen Ideale der Freiheit der Antiautoritären bedeutet.

Hinck beschreibt in seinem Buch die Geschichte derer, die nach der Auflösung des SDS Mitglied in einer maoistischen Partei wurden, sich ihren ZK Sekretären Christian Semler (KPD-AO) oder Joscha Schmierer (KBW) oder Jürgen Trittin (KB) unterordneten und miterlebten, wie die eigenen Genossen in stalinistischer Manier gemaßregelt wurden. Einige der ehemaligen Maoisten schämen sich noch heute dafür, damals einfach zugesehen haben, wie ihre einstigen Freunde ausgeschlossen wurden.

Bewaffneter Kampf und Reisen zu Diktatoren

Gunnar Hinck geht es um die Doppelbödigkeit eines Teils der einstigen 68er. Er widmet sich der Gewalttätigkeit, die sich bald nicht mehr nur gegen Sachen sondern auch gegen Personen wandte. Zwar – und das ist wenig bekannt – stand der ehemalige grüne Bundesaußenminister Joschka Fischer in Frankfurt gegen das Abgleiten der Frankfurter Spontis in den bewaffneten Kampf. In West-Berlin allerdings ließen sich viele von der Gruppe „Bewegung 2. Juni“ einfangen.

Auf internationaler Ebene ließen sich die Sekretäre der maoistischen Kleinstparteien von den Roten Khmer, den Diktatoren Kambodschas, Nordkoreas und sogar Libyens empfangen.  Mit stolz geschwellter Brust ließen sie sich an der Seite der Massenschlächter fotografieren. Zu den Pilgern, die sich jubelnd in die Abgründe sozialistischen Terrors aufmachten, gehörten ZK-Mitglieder der KPD (AO) Christian Semmler und Jürgen Horlemann genauso wie Joscha Schmierer, so Hinck. Sie tafelten nicht nur mit den Diktatoren, sondern trugen auch das Geld ihrer Mitglieder dorthin. 200 000 DM an Spenden waren keine Seltenheit. Dass auch Muammar al-Gaddafi zu den Hofierten gehörte, ist Hincks scharfem Blick entgangen.

68er bei den Grünen und der SPD

Einige der von Hinck Interviewten sind noch heute stolz darauf, dass sie sich nicht an die Sowjetunion angepasst haben. Immerhin ermöglichte das manchem den Wiedereinstieg in eine bürgerliche Existenz, nachdem ihre dogmatischen Parteien zerfielen. Ein Teil des einstigen Führungspersonals der Splittergruppen traf sich bei den Grünen wieder wo es seine politische Zukunft neu justierte.

Hinck sieht in der Fraktionierung innerhalb der Grünen einen genialen Schachzug von Joschka Fischer. Indem er seine Gruppe Realos nannte, habe er sich die Macht gesichert, weil die übrigen zwangsläufig zu Fundis wurden. Da waren etwa Jürgen Reents, der vor den Grünen im KB aktiv war und Antje Vollmer, die zum Führungspersonal der KPD-AO zugehörigen Liga gegen den Imperialismus gehörte und für eine mittlere Fraktion stand. Wirklich groß seien die Gräben zwischen den einstigen maoistischen Ausrichtungen innerhalb der Grünen nicht mehr gewesen, meint Hinck.

Einige der Maos sind auch in die SPD gegangen und haben es wie Aachenerin Ulla Schmid, früher KBW, im SPD Kabinett zur Ministerin für Gesundheit gebracht. Gunnar Hinck stellt eine Liste zusammen, wer aus welcher Gruppe in welche Partei ging. 

Konvertiten bei „Welt“ & Co.

Einige der 68er Radikalen wurden zu Zynikern und konvertierten zum Gegenteil ihrer einstigen Anschauung. Sie haben den Sprung in die Chefredaktionen der großen Blätter geschafft. Hinck listet auf: Bernd Ziesemer landete beim ‚Handelsblatt’ und Thomas Schmid bei ‚Die Welt’. Letzterer warf Hinck übrigens während des Interviews aus seinem Büro.

Manchmal hat man beim Lesen das Gefühl, dass Hinck sich zu stark von seiner These der Vaterlosen auf der Suche nach Leitfiguren leiten lässt. Es wäre schön, wenn er auch von seiner These abweichende Biografien geprüft hätte. Es fehlen diejenigen, deren Eltern während des Nationalsozialismus als Juden verfolgt wurden, ebenso jene die im Widerstand aktiv waren. Es wäre doch wichtig gewesen zu wissen, ob sie die Fackel des politischen Anstands und der Moral weiter getragen haben.

Ich war schon vor der Lektüre von Hincks Buch froh, dass wir 68er mit unserer Revolution keinen Erfolg hatten. Hincks Buch bestätigt mich in der Ansicht, dass die Geschichte der 68er mit der Auflösung des SDS 1969 endet.                                                                                                                  

Gunnar Hinck: "Wir waren wie Maschinen – Die Bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre", Rotbuch Verlag, Berlin 2012, 464 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-86789-150-9

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