"Der Hauptteil des Buches beginnt in einer Kneipe, wo Sie Dottie, Dink und andere malochende Seelen kennenlernen werden", schreibt Joe Bageant. In "Auf Rehwildjagd mit Jesus" spricht er nicht über Arbeiter, sondern lässt sie selber zu Wort kommen.
Der britische Journalist Owen Jones hat in seinem Buch „Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse“ die Lebensumstände der Arbeitnehmer in Großbritannien analysiert. Im gleichen Verlag sind nun eine Reihe Essays des amerikanischen Schriftstellers Joe Bageant erschienen. In „Meldungen aus dem amerikanischen Klassenkampf“, so der Untertitel des Buches „Auf Rehwildjagd mit Jesus“, beschreibt der Schriftsteller Joe Bageant die Welt amerikanischer Arbeiter.
Ebenso wie in Großbritannien hat auch in Amerika der sinkende Lebensstandard von Arbeiterfamilien in den vergangenen 30 Jahren zu gesellschaftlichen Veränderungen geführt. Eindrücklich beschreibt Bageant, der nach einer dreißigjährigen Abwesenheit in seinen Heimatort zurückkehrt, wie die Lebensleistung seiner Familie und der Nachbarn in einem typischen Arbeiterviertel in den zurückliegenden Jahrzehnten abgewertet wurde. War es einer Arbeiterfamilie in den Sechzigerjahren noch möglich, mit ihrem Einkommen als Geringverdiener zusammen ein Haus zu kaufen, wird das Viertel jetzt bevölkert von "Männern mit Starkbierflaschen, hart arbeitenden alleinerziehenden Müttern und Kindern auf billigen und beschädigten Plastikdreirädern".
Sie arbeiten als Fastfood-Beschäftigte für 14.000 Dollar Jahreseinkommen oder als Montagekräfte am Band für 26.000 Dollar. Zwei von fünf Einwohnern könne keinen High-School-Abschluss nachweisen, jeder über fünfzig habe ernsthafte gesundheitliche Probleme, die Kreditwürdigkeit liege selten über 500 Dollar: Eine Parallelwelt zu den gebildeten städtischen Liberalen, sagt der ausgebildete Journalist Bageant selbstkritisch.
Die Illusion einer Mittelschichtsmehrheit
Ähnlich wie in Großbritannien verdeckt auch in Amerika die von den Medien propagierte Ideologie einer klassenlosen Gesellschaft die prekären Lebensbedingungen, in denen sich laut Bageant mindestens 60 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner befinden. Dabei liegt das Besondere der in diesem Buch versammelten Reportagen nicht in der Analyse eines in Amerika „einseitig geführten Klassenkampfes“, der nur von der Seite wahrgenommen wird, „die der anderen in den Hintern tritt“, beispielsweise vom millionenschweren Baulöwen, so Bageant.
Besonders ist, dass Bageant Menschen jenseits der Mittelschicht zu Wort kommen lässt: Dottie, die zuckerkranke Karaoke-Sängerin und Ex-Putzfrau; Tom Henderson, Vorarbeiter bei Rubbermaid; Lynndie England, Hühner-Schlacht-Gehilfin und »Folter-Girl von Abu Ghraib«; oder Ruth McCauley, die verarmte Witwe eines Kurzstrecken-Truckers.
Daraus ergibt sich ein Porträt des amerikanischen Lebensgefühls aus der Sicht amerikanischer Arbeiter, das zugleich eine gnadenlose Abrechnung mit der Arroganz ist, die Amerikas Eliten „einfachen Leuten“ gegenüber an den Tag legen. Es sind nicht zuletzt diese humorvoll und doch kritisch verfassten Essays, die bereits 2007 veröffentlicht, aber erst jetzt in deutscher Sprache übersetzt vorliegen, die den Lesern einen anderen Blick auf das Amerika von heute eröffnen. Und in Zeiten des Wahlkampfes noch einmal zu Bedenken geben, dass sich Liberale und Arbeiter gegenseitig brauchen, "wenn sie die eskalierende ökonomische Katastrophe überleben wollen".
Joe Bageant
Auf Rehwildjagd mit Jesus
Meldungen aus dem amerikanischen Klassenkampf
Essay, Mainz 2012
Aus dem Amerikanischen von Klaus H. Schmidt und Ulrike E. Köstler
360 Seiten, gebunden, 18.90 EUR
ISBN 978-3-940884-92-3







