Das zehnjährigen Bestehen des Günter-Grass-Hauses und der 85. Geburtstag des Nobelpreisträgers – ein passender Anlass in passender Umgebung für ein großes Fest zu Ehren des Dichters.
Fast fünfhundert Gäste, darunter Altkanzler Gerhard Schröder und der Maler Markus Lüpertz, die Schriftsteller Feridun Zaimoglu, Tilman Spengler und Eva Menasse, drängen sich im Hof unter die Heizschirme, es ist saukalt, auf der Bühne versucht Helge Schneider am Klavier mit seinem Trio, etwas jazzige Summertime-Atmosphäre aufkommen zu lassen.
„Streitbaren Geist und Impulsgeber für die Gesellschaft“
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig würdigt Grass als „streitbaren Geist und Impulsgeber für die Gesellschaft“, doch – so Albig mit Blick auf die fröstelnden Gäste – was Grass sagt und schreibt, kann keinen kalt lassen. „Ich teile nicht alles, aber es lohnt es sich, sich mit ihm auseinanderzusetzen.“ Grass setze politische Streitgespräche in Gang, die enorm wichtig seien. „Unsere Gesellschaft ist nur dann stark, wenn sie diese Debatten aushält.“
„Ich halte das Gedicht für eine Torheit“
Eva Menasse traut sich in ihrer Rede, aus der allgemeinen Festtagsharmonie ein wenig auszubrechen und auf das in der Öffentlichkeit heftig umstrittene israelkritische Gedicht „Was gesagt werden muss“ einzugehen: „Ich halte das Gedicht für eine Torheit“, so die österreichische Schriftstellerin, lobt aber gleichwohl den Dichter für „seine kämpferische Lust, sich täglich aufs Neue mit der Welt zu verwickeln, koste es, was es wolle. Gewiss aber kostet es den geistigen Ruhestand.“
Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering kritisiert dann in seinem Beitrag noch einmal die in der jüngsten Kritik vorgenommene Konzentration auf einen „winzigen Text“, die Kritik an Israel in dem Gedicht. Im Blick auf das Grass’sche Gesamtwerk zeigt er auf, dass der Dichter alle andere als ein Antisemit sei. Wer das Lebenswerk des Dichters als „von Antisemitismus durchzogen“ denunziere, habe die genaue Lektüre ersetzt durch den vermeintlichen Blick in das Unterbewusstsein des Autors. „Sein Lebenswerk ist ein Kunstwerk in genauem Sinne des Wortes.“
Schließlich ergreift Günter Grass das Wort. Er sei Eva Menasse dankbar, dass sie das strittige Thema aufgegriffen habe. „Ich hoffe, dass sie Recht behalten, dass mein Gedicht eine Torheit ist.“ Nicht zurücknehmen werde er aber die Kritik daran, dass eine Kieler Werft U-Boote als deutsche Wiedergutmachung an Israel liefere, die in der Lage seien, atomare Mittelstreckenraketen abzuschießen. „Ja, es war eine Torheit, das so auszusprechen. Aber es war eine notwendige Torheit.“ Da erinnert man sich an den legendären ersten Satz in Grass‘ Roman „Der Butt“: „Ilsebill salzte nach, und man erkennt: Auch der Dichter salzt nach, wenn es ihm erforderlich erscheint.
Dann liest er noch 40 Minuten aus seinem neuen Gedichtband „Eintagsfliegen“ vor. Landschaftsgedichte, Nachrufe, Erinnerungen – unpolitische Gedichte. Nicht alles eben ist politisch bei Günter Grass.








Joachim Kretschmann • 10. November 2012 • 22:29
*Offenbarungseid der Unbelehrbarkeit* Neben der Option eines Präventivschlags gegen Irans Atomindustrie beim Überschreiten der Roten Linie zum Bau der Atombombe, ist die Möglichkeit, im Falle eines der regelmäßig angedrohten Vernichtungsangriffe durch den Iran zu einem Zweitschlag fähig zu sein, Israels einzig verbliebene Sicherheitspolice. Denn vor 68 Jahren weigerten sich die Alliierten, die Zufahrtswege zu den KZ' s zu bombardieren und die Judenvernichtung zu stoppen – einen zweiten Holocaust jedoch wird es nicht geben. Anstatt die Realität verleugnende Gedichte zu schreiben, sollte Günther Grass das Terrorregiem Ahmadinedschads ernst nehmen. Doch er salzt sogar noch nach mit einem weiteren Offenbarungseid der eigenen Unbelehrbarkeit: „Es war eine notwendige Torheit“, oder anders ausgedrückt: Wenn schon falsch, dann richtig...
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