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Geteilte Meinung

Anina Kühner • 27. September 2012

Im Willy-Brandt-Haus Berlin wurde "Gespräche unter Deutschen" vorgestellt. (Foto: Anina Kühner)
Im Willy-Brandt-Haus Berlin wurde "Gespräche unter Deutschen" vorgestellt. (Foto: Anina Kühner)

Wo liegen die Unterschiede zwischen Ost und West? Gibt es sie überhaupt noch? Und ist die Wiedervereinigung auch in den deutschen Köpfen angekommen? Diesen Fragen sind Jörg und Frauke Hildebrandt in ihrem neuen Buch „Gespräche unter Deutschen“ nachgegangen.

Mit fünfzehn prominenten Gesprächspartnern aus West- und Ostdeutschland haben Jörg Hildebrandt und seine Tochter Frauke über die Wiedervereinigung geredet, über die Schwierigkeiten, einander nach vierzig Jahren Trennung durch die Mauer wieder näher zu kommen und darüber, wie weit dies bereits gelungen ist. Aus den Antworten, die sie auf diese und andere streitbare Fragen bekommen haben, stellten sie ein Buch zusammen. Am Mittwoch präsentierten sie es im Willy-Brandt-Haus in Berlin. 

Ziel der Interviews sei gewesen, Antworten auf die Frage zu bekommen, was Wiedervereinigung eigentlich bedeute, berichtete Jörg Hildebrandt. „Heißt es, dass man eine Meinung teilt oder bedeutet es,  geteilter Meinung zu sein?“, so fasste er seine Grundfrage zusammen.

Vorurteile und deren Korrektur

„Frauke war beim Nachfragen fordernder, neugieriger. Mir ging es eher darum, meine eigene Meinung bestätigt zu sehen“, gestand der Ehemann der 2001 verstorbenen SPD-Politikerin Regine Hildebrandt in Bezug auf die Entstehung des Buches. Seine Tochter ergänzte: „Ich bin auch mit Vorurteilen in die Interviews gegangen, musste sie aber an manchen Stellen korrigieren.“

Unter anderem sprachen die beiden mit dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt und dem SPD-Politiker Egon Bahr, aber auch mit der Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe und Schauspielerin Lea Rosh. Die beiden Frauen diskutierten bei der Buchvorstellung auf dem Podium mit den Autoren und SPD-Vizebundetsagspräsident Wolfgang Thierse, der moderierte. Auf seine Frage, ob es auch Absagen für das Buch gegeben habe, antwortete Frauke Hildebrandt ironisch: „Ich will lieber keine Namen nennen. Aber Wolfgang Biermann hatte am Ende dann doch keine Lust.“

„Die Ostdeutschen nehmen zu viel hin“, behauptete Lea Rosh in der Diskussion um Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen. Sie erzählte von einer Erfahrung, die sie unmittelbar nach der Wende in Ostberlin gemacht habe: „Wir saßen in einem Restaurant am Drei-Personen-Tisch zu viert, da wurden wir nicht bedient. Die Ostdeutschen ließen sich das einfach gefallen.“ Auf die Frage, ob sich diese Einstellung nicht inzwischen grundlegend geändert habe, konnte sie keine endgültige Antwort geben.

Demut vor Herausforderungen

Ulrike Poppe bestätigte Roshs Annahme bis zu einem bestimmten Punkt. In der DDR habe man die Meinungsfreiheit eben einfach nicht gelernt, in keinem öffentlichen Forum sei frei diskutiert worden. Um so größer aber sei die Leistung der Bürgerrechtler und Demonstranten gewesen: „Den Mut, den diese Menschen aufgebracht haben, brauchen wir heute noch“, stellte Poppe klar. Für sie bestünde die herausragende Eigenschaft der Ostdeutschen in der Demut vor großen Herausforderungen.

Frauke Hildebrandt, die selbst in der Märkischen Schweiz lebt, ergänzte diese Perspektive auf Ostdeutsche um einen Aspekt: „Ich bin immer etwas vorsichtig, das zu behaupten und will auch nicht pauschalisieren. Aber ich erlebe unter Ostdeutschen einfach eine selbstverständlichere Solidarität.“ Die wettbewerbsorientierte Gesellschaft des Westens habe den Umgang miteinander auf eine ganz andere Art geprägt, sagte sie: „Die Menschen im Westen gehen mehr mit Kalkül miteinander um, sie sind eher auf Selbstdarstellung aus.“

Ulrike Poppe, die mit brandenburgischen Schulklassen Informationstage zum DDR-Regime veranstaltet, erzählte von den Bildungslücken bei ostdeutschen Schülern: „Die Erinnerungskultur ist in deren Familien natürlich eine andere. Es wird weniger über Unterdrückung gesprochen als über die schönen Erinnerungen an das Leben in der DDR.“ An diesem Problem müsse zwar gearbeitet werden, räumte Poppe ein – aber es werde sich mit der nächsten Generationen ohnehin verflüchtigen. Auf Lea Roshs Vorwurf, die Bürger in der DDR hätten das Regime zu lange ertragen, anstatt beispielsweise durch Wahlenthaltung Widerstand zu üben, erwiderte Thierse: „In jedem Regime wird erst dann aufbegehrt, wenn der Protest auch Aussicht auf Erfolg hat. Genauso war es auch in der DDR.“

Info

„Gespräche unter Deutschen: Von der Wiedervereinigung geteilter Meinung“ von Jörg und Frauke Hildebrandt ist im verbum Verlag erschienen und kostet 15,00 Euro.

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