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Wir Vorzeigemigranten

Anina Kühner • 19. September 2012

Milad, Masoud und Mojtaba Sadinam bei der Vorstellung ihres Buches "Unerwünscht" (Foto: Anina Kühner)
Milad, Masoud und Mojtaba Sadinam bei der Vorstellung ihres Buches "Unerwünscht" (Foto: Anina Kühner)

„Wer ständig über Vorbilder spricht, will nicht die Situation schaffen, in der man keine Vorbilder braucht“, so die kritische Bilanz von Mojtaba Sadinam über Integration in Deutschland. Am Dienstag stellte er mit seinen Brüdern ihr gemeinsames Buch „Unerwünscht“ in Berlin vor.

Was Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam zu erzählen haben, ist bewegend. Die drei Brüder, die als Kinder mit ihrer Mutter aus dem Iran nach Deutschland geflohen sind, haben ihre Erinnerungen in einem Buch zusammengefasst.

Sie fühlen sich nicht wohl dabei, so im Mittelpunkt zu stehen. Das sieht man den drei jungen Männern an, als sie am Dienstagabend im Berliner taz-Café ihr neues Buch vorstellen und über ihr Leben sprechen. Die achtundzwanzigjährigen Zwillinge Mojtaba und Masoud beantworten die Fragen der Moderatorin dennoch sehr engagiert, ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Milad hält sich eher zurück. Das Interesse an den Schilderungen der drei ist groß, bis auf den letzten Platz ist der Zuschauerraum im taz-Café besetzt.

Die Mutter steht im Mittelpunkt des Buches mit dem vielsagenden Titel „Unerwünscht“. Sie war es, die im Iran schon unter dem Regime des Schah Widerstand leistete und später gegen die Gewalt und Willkür der Revolutionswächter Flugblätter verteilte. In den neunziger Jahren schließlich musste sie mit ihren drei Söhnen fliehen- der Vater blieb vorerst im Iran zurück. In Deutschland angekommen blieb die Mutter Stütze und Ansporn für ihre drei Söhne: „Für jedes deutsche Wort, das wir lernten, bekamen wir von ihr fünf Cent“, erzählt Mojtaba.

Die Angst vor Abschiebung

Nach einer langen Odyssee durch Asylbewerberheime landete Familie Sadinam schließlich in Hannover. Dort seien sie als Schüler Ausgrenzung und der ständigen Angst vor Abschiebung ausgesetzt gewesen, berichtet Masoud. „In der Schule war ich Außenseiter. Die Familie war der Kosmos, in dem ich mich sicher fühlte“, erinnert sich Mojtaba. Aber auch enge Freundschaften habe er in dieser Zeit geschlossen.

Milad erzählt, welche Bedeutung die Mathematik in seinen ersten Jahren in Deutschland für ihn gewonnen habe: „Die Welt der Zahlen unterlag meiner Kontrolle in einer Umgebung, in der ich sonst gar nichts kontrollieren konnte.“ Dass er später Informatik studiert habe, sei nur die logische Konsequenz daraus gewesen.

Alle drei Brüder machten schließlich ihr Abitur, doch jeder ihrer Anträge auf unbefristeten Aufenthalt in Deutschland scheiterte. Bis vor den Europäischen Gerichtshof zogen Sadinams mit ihrem Anliegen- und blieben erfolglos. Der Vater kam schließlich nach, doch er hatte sich von seiner Familie entfremdet. Die Eltern trennten sich. Erst eine kleine Änderung im deutschen Ausländerrecht gab der Familie nach neun Jahren juristischen Kampfes die Sicherheit der unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung.

Der Integrationsstempel

„Der Titel ‚Unerwünscht’ bezieht sich nicht ausschließlich auf unsere Erfahrungen mit Deutschland“, stellt Masoud klar. Das Gefühl der Ablehnung habe die Familie aus dem Iran nach Deutschland begleitet. „Im Iran wollte man uns nicht, die deutschen Behörden auch nicht. Aber es gab viele Menschen hier, die uns das Gefühl von Heimat vermittelt haben“, erklärt er.

Das Hauptanliegen der drei Brüder ist es, die Abgrenzung zwischen „deutsch“ und „Migrant“ aufzuheben. Sie hätten kaum noch Verbindungen zum Iran, erklärt Mojtaba. Eigentlich fühle er sich als Deutscher. Er verstehe nicht, warum man Menschen immer kategorisieren müsse: „Du als Ausländer, ich als Deutscher. Das ist doch Quatsch!“ Aus diesem Grund laufe es ihm auch zuwider, ständig als „integriert“ bezeichnet zu werden. Während des Studiums sei ihm klar geworden, dass er mit diesem Stempel immer Außenseiter bleiben würde: „Die deutschen Studenten waren erfolgreich, weil sie klug waren, ich war erfolgreich, weil ich integriert war“, so seine bittere Bilanz. 

Hilfe aus dem engsten Umfeld

Nach dem Abschluss ihres Studiums wurden die drei Brüder auf einmal bekannt. Man habe sie als „Vorzeigemigranten“ hingestellt, erzählt Masoud. Dabei hätten sie nicht wegen, sondern trotz der deutschen Asylpolitik Erfolg gehabt. Es seien die Menschen in ihrem engsten Umfeld gewesen, die ihnen den Zugang zu Bildung und zur Gesellschaft ermöglicht hätten. „Unser Anwalt, der Lehrer, die Sozialarbeiterin – und natürlich unsere Mutter, sie haben uns voran gebracht“, stellt er klar.

Gleichzeitig sei die Vorbildfunktion, in die sie ständig gedrängt würden, ernstlich zu hinterfragen, erklärt Mojtaba. Schließlich solle es eine Selbstverständlichkeit sein, dass auch Menschen mit Migrationshintergrund die Möglichkeit bekämen, erfolgreich zu sein. „Wer ständig über Vorbilder spricht, will nicht die Situation schaffen, in der man keine Vorbilder braucht“, betont er.

Info:

„Unerwünscht: Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte“ der Brüder Sadinam ist im Bloomsbury Verlag Berlin erschienen und kostet 16,99 Euro.

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