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Tribunal für ein Jagdfest

Nils Michaelis • 13. September 2012

Den Familien von Eudache Calderar und Grigore Velcu sind nur Fotos geblieben.
Den Familien von Eudache Calderar und Grigore Velcu sind nur Fotos geblieben. (Foto: RealFiction)

Unerschütterlich ruht die Festung Europa in sich selbst. Ihren Reichtum rettet sie über jede Krise hinweg. Reich ist diese Trutzburg auch an dramatischen Schicksalen vor ihren Toren: Von einem so grotesken wie tragischen Zwischenfall in Deutschland und dem Justizskandal, der darauf folgte, erzählt der Dokumentarfilm „Revision“. 

14 687 Menschen sollen zwischen den Jahren 1988 und 2009 bei dem Versuch ums Leben gekommen sein, illegal nach Europa einzureisen. Fast noch erschreckender ist die Tatsache, dass man von den meisten dieser Schicksale nichts erfährt – oder, was noch schlimmer ist, sie rasch wieder vergisst. Zwei davon rekonstruieren die Filmemacher Merle Kröger und Philip Scheffner in „Revision“. Es ist mehr als eine Rekonstruktion – nämlich eine subtil verpackte Anklage der Ermittlungspannen und Vertuschung rund um den Tod von zwei Familienvätern aus Rumänien.

14 687 Tote: Die Zahl stammt von der Nichtregierungsorganisation „Fortress Europe“. „Revision“ greift sie auf, um die Dimension des Schreckens und des Versagens von Politik und Sicherheitsbehörden deutlich zu machen, wovon der Tod von Grigore Velcu und Eudache Calderar einen kleinen, aber krassen Ausschnitt bildet. 

Schützen auf der Flucht

Am frühen Morgen des 29. Juni 1992 überschreiten sie die deutsch-polnische Grenze in Vorpommern – dort endet damals die Europäische Union.

Einer von ihnen ist unterwegs zu seiner Familie in einem Asylbewerberheim. Der andere zu seinem Arbeitsplatz. Kurz darauf sind beide tot. Zwei Jäger haben ihnen in den Kopf geschossen. Sie hatten die Männer für Wildschweine gehalten, so ihre spätere Aussage vor Gericht. Anstatt den Schwerverletzten zu helfen, flüchten die Waidmänner vom Tatort. Zwei Mähdrescherfahrer entdecken die leblosen Körper und holen Hilfe: Als sie zurückkommen, steht das Gerstenfeld in Flammen. Es folgt ein jahrelanger Prozess. Die, so muss man juristisch korrekt sagen, mutmaßlichen Schützen werden freigesprochen. 2002 wird die Berufung verworfen.

Wie kann es sein, dass die Hinterbliebenen in Rumänien von diesem Marathon nichts mitbekommen haben? Wieso hat ihnen niemand nahegelegt, als Nebenkläger aufzutreten oder eine Entschädigung einzufordern? Und warum wurde so schlampig ermittelt – laut Scheffner und Kröger hat kein einziger Mitarbeiter der Anklage jemals den Tatort besichtigt. Vor Gericht wurden Zeugenaussagen von Familienmitgliedern verlesen, die sie gegenüber der Polizei abgegeben hatten. Doch niemand von ihnen saß im Verhandlungsaal, um zu erklären, wer da eigentlich erschossen wurde. „Das war juristisch nicht notwendig“, erklärt ein Stralsunder Gerichtsvertreter 19 Jahre später.

Zuhören als Methode

So ist „Revision“ auch ein Film über das Schweigen. Im Falle der Angehörigen war es gewissermaßen verordnet. Umso mehr platzt im Gespräch mit dem Filmteam alles aus ihnen heraus – schließlich haben sie erst während der Vorbereitung des Drehs vom Nachspiel ihres Verlusts erfahren. Viele andere, wie zum Beispiel jene Jäger, entschieden sich ganz bewusst dafür.

Gleichzeitig will dieser Film das Schweigen brechen. Zum Beispiel, indem die Familien der beiden Männer erklären, warum sie sich auf die gefährliche Reise gemacht hatten. Allerdings weichen Kröger und Scheffner dabei vom typischen Interview-Schema ab. Stattdessen werden die Gesprächspartner über weite Strecken mit ihren Berichten konfrontiert, die sie lieferten, als die Kamera aus war. Im Nachgang hören sie sich selbst zu – sozusagen, als würden sie über sich zu Gericht sitzen.

Dass „Revision“ im Sinne der Autoren als eine permanente Tribunal-Situation – um sozusagen das Versäumnis der Juristen nachzuholen – verstanden werden will, mag etwas überzogen sein. Dazu ist die Erzählstruktur an einigen Stellen zu verwickelt: Oftmals, wenn Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn im rumänischen Craiova vom Vergangenen erzählen, hat man Mühe, zu verstehen, wer zu wem gehört beziehungsweise von welchem der Verstorbenen die Rede ist. Wenn zudem die Befragten ihre eigenen Aussagen kommentieren, bleiben Wiederholungen nicht aus.

Andererseits zwingt einen diese Dramaturgie, in der die Befragten die Deutungshoheit über ihre Sichtweise behalten, sich besonders intensiv damit auseinanderzusetzen.

Selbstversuch im Dämmerlicht

Aber auch in Deutschland ist eine akribische Spurensuche zu erleben: Zum Beispiel, als das Team im Selbstversuch der Frage nachgeht, ob oder wie es sein kann, dass zwei erfahrene Jäger in der Morgendämmerung ausgewachsene Männer mit Schwarzkitteln verwechseln. Oder warum Jagdreisen in einer Region angeboten wurden, wo illegale Einwanderer oder Grenzschützer tagtäglich die grüne Grenze überschreiten. Meist bleibt es bei einer Annäherung, liegt mancher Hinweis auch noch so klar auf der Hand.

In allen möglichen Perspektiven beherrschen immer wieder Windräder die Szenerie dieses flachen, melancholischen Landstrichs – mal als dynamische Armada, mal als bedrohlicher Schatten: so wie stumme Zeugen eines unglaublichen Geschehens, die ihr Wissen triumphierend für sich behalten. Doch die Zuschauer wissen es besser: Als Eudache Calderar und Grigore Velcu zurück in den Nordosten der Bundesrepublik wollten, herrschte dort noch freie Sicht.

Info: Revision (D 2012), Regie: Philip Scheffner, Buch: Merle Kröger/ Philipp Scheffner, 106 Minuten.

Ab sofort im Kino

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