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Für einen krückenlosen Zusammenhalt

Nils Michaelis • 06. September 2012

Blick zurück nach vorn: Verleger Christoph Links und Autorin Andrea Backhaus.
Blick zurück nach vorn: Verleger Christoph Links und Autorin Andrea Backhaus. (Foto: Nils Michaelis)

20 Jahre nach der Wiedervereinigung fanden sich ein paar Jung-Akademiker zusammen, um sich über ihre Erfahrungen als „Wendekinder“ auszutauschen.

2011 organisierten sie eine Konferenz unter dem Namen „Dritte Generation Ostdeutschland“. Mittlerweile haben sich mehr als 1000 Menschen und Initiativen dem Netzwerk angeschlossen. Wofür es steht, zeigt das Buch zum Projekt. Am Dienstagabend wurde es vorgestellt.

Erst die „Generation Golf“, dann die „Generation Praktikum“ und nun also die „Dritte Generation Ostdeutschland“. Böse Zungen könnten behaupten, da buhlen mal wieder einige unterbeschäftigte Kreative um Aufmerksamkeit, deren einzige Energie darin besteht, die eigene Identität zu ergründen. Nun gut: Den mehr als 20 Autorinnen und Autoren des Sammelbandes geht es auch darum, sich und ihre rund 2,4 Millionen zwischen 1975 und 1985 in der DDR geborenen Altersgenossen dazu zu ermuntern, sich ihrer spezifischen Erfahrungen in zwei politischen Systemen bewusst zu werden.

Der Zivilgesellschaft auf die Spünge helfen

Doch die Präsentation des Buches „Dritte Generation Ost“ im Roten Salon der Berliner Volksbühne war frei von jeder Selbstbezogenheit. Im Gegenteil: Ganz oben rangierte die Devise, die Umbruchserfahrungen produktiv in das Gemeinwesen einzubringen – sei es zum Beispiel, um der Zivilgesellschaft dort auf die Sprünge zu helfen, wo jene Generation kaum noch präsent ist: nämlich in der ostdeutschen Provinz. Dazu trat der Anspruch, besonders dafür prädestiniert zu sein, Alternativen zur kriselnden Wirtschafts- und Finanzordung in Europa zu entwerfen.

Kein Zweifel: Da fordert eine Generation ihren Platz ein – auch, was die Deutung von 40 Jahren SED-Herrschaft betrifft: Gerade das Schweigen über die erlebte Vergangenheit belastet viele ostdeutsche Familien bis heute. Die Verarbeitung der Wende-Jahre – für viele nicht nur eine Zeit des politischen Aufbruch, sondern auch tiefer Verunsicherung – bleibt ein emotional aufgeladenes Terrain.

Die Stunde der Avantgarde?

Kein Wunder also, dass den Initiatoren und Autoren der „Dritten Generation Ostdeutschland“ im Roten Salon der Volksbühne teilweise heftiger Gegenwind entgegenschlug – und zwar nicht nur von Angehörigen der Eltern-Generation – ergo der „Zweiten Generation Ostdeutschland“, die der Aufbau-Generation der Großeltern nachgefolgt war. Fehlendes Bewusstsein für soziale und kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West, gar mangelhafte Bodenhaftung lauteten die Vorwürfe. Aber braucht es nicht manchmal eine Avantgarde, um etwas zu ändern, wie etwas pathetisch aus dem Publikum verlautete?

„Wer hier Visionen hat, wird nicht zum Arzt geschickt, sondern willkommen geheißen“: Der Ausschnitt, den Arne Lietz aus seinem Beitrag „Zurückkommen, um zu bewegen“ rezitierte, ließ aufhorchen. Darin beschreibt der Politologe und Pädagoge, wie Impulse aus der Mitte der Gesellschaft die ostdeutsche Peripherie vor geistiger Provinz oder politischer Apathie bewahren. Im erweiterten Sinne ist der gebürtige Güstrower selbst ein „Zurückgekommener“: Als Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Wittenberg engagiert er sich für einen Gesprächskreis aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik – dabei nutzt der 36-Jährige die Erfahrungen, die er zuvor in der internationalen Bildungsarbeit sammelte.

Die Kostprobe aus Lietzs Texte zählte, was konkrete Handlungsoptionen der „Dritten Generation Ostdeutschland“ betrifft, zu den anschaulichsten Momenten der Lesung mit anschließender Diskussionsrunde. Johannes Staemmler, einer der Herausgeber des Buches, rief immer wieder den Werkstattcharakter des Projektes in Erinnerung, scheute sich aber auch nicht, glühende Appelle in den Raum zu werfen. Zum Beispiel mittels einer Passage, die auch in Westdeutschland Sozialisierte in die Pflicht nimmt: „Die Dritte Generation Ostdeutschland und ihre Altersgenossen im Westen dürfen es sich nicht auf der Ost-West-Couch bequem machen, die ihnen ihre Eltern eingerichtet haben. Werft die Wortkrücken der letzten 20 Jahre in die Ecke.“

Die Last des Schweigens

Zu diesen Wortkrücken zählten die Aktivisten auf dem Podium auch jene Argument-Schablonen, die bis heute die Diskussionen über die DDR-Geschichte beherrschen. „Ich glaube, wir sind die erste Generation, die die Stereotype anpackt“, sagte die Journalistin Andrea Backhaus. „Das geht nur, indem man über konkrete Erfahrungen spricht.“ Genau das tat die 31-Jährige, indem sie aus ihrem Text „Auf der anderen Seite“ las. Darin berichtet die gebürtige Rostockerin, wie ihre Familie vor und nach 1989 im Schatten der Stasi lebte: frei von Schuldzuweisungen, aber voller Sensibilität für die langlebigen Folgen von Isolation und Verrat. 

Die unvoreingenommene und angstfreie Auseinandersetzung mit ihrer Biografie beschrieb Backhaus zugleich als Schlüssel für die Betrachtung der Gegenwart. „Vieles hinterfragt man in heutigen Krisen-Zeiten“, sagte sie. „Doch dafür muss man seine Wurzeln kennen.“ Jene Ursprünge zu erforschen, so wurde in der Diskussion mehrfach betont, heißt oftmals auch, die Mauern des Schweigens im eigenen Umfeld einzureißen: Die „Dritte Generation Ostdeutschland“ will keine „stumme Generation Ost“ (Staemmler) mehr sein.

 

Michael Hacker, Stephanie Maiwald u.a.: Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen, Ch. Links Verlag,  14,90 Euro.

Info:

In diesem Jahr war das Netzwerk auf Sommertour in Ostdeutschland. Die Ergebnisse der Diskussionsrunden vor Ort werden am 24. November beim „großen Generationentreffen“ im Collegium Hungaricum in Berlin vorgestellt. Mehr dazu unter www.dritte-generation-ost.de

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