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Icon   Film der Woche: Goldrausch - Die Geschichte der Treuhand

Vom langen Schatten des wilden Ostens

Nils Michaelis • 30. August 2012

Anfang der 90er Jahre überlagerte die Wut über die soziale Misere in Ostdeutschland die anfängliche Euphorie.
Anfang der 90er Jahre überlagerte die Wut über die soziale Misere in Ostdeutschland die anfängliche Euphorie. (Foto: RealFiction)

Wie ist es möglich, dass eine von DDR-Bürgerrechtlern erdachte Einrichtung zum Feindbild mutiert? Wie ist es möglich, dass eine Staatsholding ohne parlamentarische Kontrolle agiert? Und wie ist es möglich, dass Unternehmer, die sich mit krimineller Energie an der Abwicklung ostdeutscher Betriebe bereichern, straffrei ausgehen?

Allgemeingültige Antworten auf diese Fragen kann auch der Dokumentarfilm „Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand“ nicht liefern. Wohl aber beschreibt er die Rahmenbedingungen, die dem oftmals chaotischen und von Betrügereien begleiteten Ausverkauf von 8400 Betrieben, 25 000 Einzelhandelsgeschäften, 7500 Hotels und Gaststätten sowie 1,7 Millionen Hektar Land Vorschub leisteten – wäre es zynisch, auch vier Millionen Arbeitnehmer auf die Liste zu setzen?

Mag jene Zeit schon mehr Konjunktur im öffentlichen Bewusstsein gehabt haben: Die Folgen von gut fünf Jahren Treuhandanstalt sind bis heute zu spüren: Zwei Millionen Jobs gingen verloren. 85 Prozent der Industriebetriebe gerieten in westdeutsche Hand. Dem Grünen-Politiker Werner Schulz – einst saß er mit am Runden Tisch in Ost-Berlin – bereitet die Erinnerung an die Anfänge der Behörde und deren ungeahntes Wirken vor der Kamera sichtliches Unbehagen.

Wenn heute davon die Rede ist, es gelte den Raubtierkapitalismus zu bändigen, schlägt man im Kinosessel die Hände über dem Kopf zusammen: Hättet Ihr damals doch schon damit angefangen! Doch gegensätzlicher konnte der Zeitgeist nach dem Fall der Mauer nicht sein – ein „Goldrausch“ eben.

Pioniergeist und Verzweiflung

Wie fühlte es sich an, über die Stilllegung oder den Verkauf von Betrieben zu entscheiden, an deren Schicksal manchmal ganze Regionen hingen? Oder als Ostdeutscher in einer von Zugereisten dominierten Behörde ins kalte Wasser der Marktwirtschaft geworfen zu werden? Im Rückblick ehemaliger Treuhand-Mitarbeiter formt sich eine intensive Erzählung darüber, was es heißt, eine ganze Volkswirtschaft zu privatisieren. Der mitunter etwas spröde, weil schulbuchähnliche Kommentar ordnet die Erinnerungsberichte ein. Weitaus sinnlicher sind die Ausschnitte der zeitgenössischen TV-Nachrichten: Die Aufnahmen von Männern und Frauen, die vergeblich um ihre Arbeitsplätze kämpfen, malen ein düsteres Bild jener Jahre.

Unter Treuhand-Präsident Detlev Karsten Rohwedder ging es zunächst auch darum, Betriebe zu sanieren. Nach dessen Ermordung durch die RAF im Frühjahr 1991 übernahm Birgit Breuel das Ruder. Nun stand der Verkauf im Mittelpunkt – mit üppigen Prämien für die Treuhand-Manager. Das bedeutete, trotz vieler Erfolgsgeschichten, das Aus für zahllose Standorte.

Kriminelle Partner

Zweifellos waren etliche Betriebe ohnehin kaum überlebensfähig. Doch dass es bei vielen Übernahmen schlichtweg kriminell zuging, beweisen die mitunter erstaunlich selbstkritischen Erinnerungsberichte. „In all den Jahren wurden Betriebe an Leute verkauft, denen ich noch nicht mal einen Gebrauchtwagen verkauft hätte“, erinnert sich ein Ex-Treuhand-Manager. Ein mittelständisches Unternehmen aus Baden-Württemberg kaufte 27 Betriebe im früheren Bezirk Halle, um deren Kapital abzuziehen. Der beteiligte Treuhand-Direktor kam später wegen Konkursverschleppung vor Gericht.

Besonders an zwei Lebensläufen macht der Film, der überraschenderweise als Final Cut ohne Nennung des Regisseurs in die Kinos kommt, eindringlich deutlich, wie Menschen, die mit respektablen Absichten bei der Treuhand durchstarteten, am Ende scheiterten – zum einen, weil sie in einem System der organisierten Entgrenzung selbst Grenzen überschritten. Zum anderen, weil ihr Arbeitseifer auf Illusionen beruhte.

Beides gilt für den früheren Treuhand-Niederlassungsdirektor in Halle: 1992 gründet Karl-Heinz Klamroth („Man ist wohl an vieles zu naiv herangegangen“) mit seinem Co-Direktor eine Unternehmensberatung in der Saalestadt. Noch im selben Jahr werden beide fristlos entlassen, denn sie hatten die Villa, wo ihre Firma einziehen sollte, weit unter Wert an den neuen Eigentümer verkauft. Später wird Klamroth von allen Korruptionsvorwürfen freigesprochen.

Planet Bonn

Noch dramatischer fällt Detlef Scheunerts Bilanz aus. Mit Anfang 30 ist er als Direktor für die Glasindustrie einer der wenigen ostdeutschen Führungskräfte der Treuhand – angetreten mit der Motivation, etwas für seine Region zu tun. Wenig später ist er ungewollt, wie er heute sagt, vor allem damit beschäftigt, Betriebe abzuwickeln, auch in seiner sächsischen Heimatstadt Döbeln. In der Bonner Regierungszentrale fühlt er sich wie auf einem anderen Planeten: Nichts als Desinteresse an der wahren Situation im Osten. Das schmerzt bis heute.

Apropos Bonn. Gerne hätte man von den verantwortlichen Politikern mehr über das Innenleben der Treuhand erfahren. Wie weit reichte die „Fachaufsicht“ des Bundesfinanzministeriums? „Alle größeren Verträge gingen über unseren Tisch“, erklärt der frühere Abteilungsleiter. Das war es dann aber auch.

So bleibt ein Großteil der Treuhand-Maschinerie im Dunkeln. Doch der Film stellt die richtigen Fragen. Allein das ist erhellend genug.

Info: Goldrausch - Die Geschichte der Treuhand (D 2011), 94 Minuten. Ab sofort im Kino.

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