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Honeckers Jugend auf Speed

Nils Michaelis • 16. August 2012

Rollende Träume(r) auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz.
Rollende Träume(r) auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz. (Foto: Harald Schmitt)

Je länger die DDR zurückliegt, desto stärker widmen sich Filmproduktionen den Zwischentönen: War das Land nicht viel bunter, aber auch weniger exotisch, als viele nach 1989 wahrhaben wollten? „This Ain't California“ widmet sich der Skater-Kultur unter Honecker. Sein Realitätsbezug ist genauso flüchtig wie das Vergnügen, dem Alltag zu entwischen.

In der Fluchtromanze „Westwind“ entdecken Jugendliche aus Ost und West am Balaton ihre gemeinsamen Sehnsüchte. Der Dokumentarfilm „Unter Männern“ zeigt, wie Schwule dem SED -Staat nonkonforme Lebensläufe und eine eigene Subkultur abtrotzten. Nun also die Skater. Marten Persiels erster Kinofilm bietet jedoch alles andere als dokumentarischen Purismus – eher ließe sich von einer Erzählung mit dokumentarischem Anstrich reden oder, mit den recht nebulösen Worten des Verleihs, von einem „dokumentarischen Trip“.

Nichtsdestotrotz ermöglicht der 38-jährige Filmemacher einen Blick auf einen bislang unterbelichteten Teil der DDR-Alltagskultur, der vor allem durch seine experimentelle, geradezu berauschende Ästhetik begeistert. Es ist ebenfalls eine Geschichte der Selbstbehauptung, wenn auch nicht im Sinne bewusster Opposition, sondern der „unpolitischen“ Abkehr von vorgezeichneten Wegen. „Wir waren nicht gegen den Staat, sondern wollten das Kindliche in uns bewahren“, sagt einer der Erzähler aus dem Off.

Seinen Anfang nimmt das Ganze in der betonierten Langeweile – aber wenigstens lässt sich dort gut skaten. Magdeburg-Olvenstedt, Anfang der 80er-Jahre: Mit einem Brett und ein paar Rollen vergnügen sich drei Freunde auf den unendlichen Betontrassen ihres Neubaugebiets. Auf selbstgebauten Skateboards über Gehwege und Treppenbegrenzungen zu sausen und geschockte bis bewundernde Blicke zu ernten ist auch eine Abkehr von einem monotonen Alltag – was auch für die restlichen rund 200 Rollbrettfahrer, so der offizielle Jargon, zwischen Rügen und Suhl gelten dürfte.

Die Stasi guckt zu 

Zumal für Dennis, dessen Vater ihn zum sozialistischen Hochleistungsschwimmer trimmen will. Eines Tages geht er nicht mehr ins Schwimmbecken, sondern nach Berlin, Hauptstadt der Skater in der DDR. Aus Dennis, dem Schimmer wird „Panik“, der Anführer. Nach und nach trudeln auch die weiteren Freunde ein. Gemeinsam stürzen sie sich in die Szene am Alexanderplatz, nirgendwo sonst lässt sich so herrlich umherrollen wie auf den Sockelkanten des Fernsehturms und dem ausladenden Drumherum.

Von der Stasi zunächst misstrauisch als Kopisten westlicher Dekadenz beäugt, pflegt die Clique Kontakte zum Klassenfeind und reist zum Europäischen Skater-Ausscheid nach Prag, das Ende der Achtziger mit ungewohnten Freiheiten lockt. Dann der Absturz: Den Mauerfall erlebt „Panik“ hinter Gittern. Im neuen Deutschland fasst er nie richtig Fuß. Auch nicht als Bundeswehrsoldat. Sein Ende in Afghanistan kommt genauso unvermittelt wie sein Gang aus dem Schwimmbecken.

Rasantes Ost-Berlin

Dieses Drama um einen ewig Strauchelnden wird in Interview-Ausschnitten, nachgestellten Spielszenen und zeitgenössischen Super-8-Aufnahmen dokumentiert. Dank des videoclipartigen Schnitts werden die Unterschiede zwischen echten und nachgestellten Skater-Szenen fast unmerklich verwischt, gesetzt den Fall, man lässt sich von der teils rasenden Bildfolge nicht einlullen. Sein Übriges tut der wuchtige, reichlich 80er-Geist atmenden Soundtrack beitragen, der mit den perfekt abgestimmten Bildausschnitten einen bestechenden Groove ergibt – bei Anne Clarks „Our Darkness“ wirkt sogar die Ost-Berliner S-Bahn rasant. Auch die Lebensgier der exilierten Magdeburger gewinnt an Fahrt und zieht einen, untermalt durch Animationsszenen, in ihren Bann.

Das Spiel mit verschiedenen Realitätsebenen hat zunächst seinen Reiz. Doch mit zunehmender Länge löst sich der dokumentarische Gehalt dieses Films nahezu in nichts auf. Ob der Fülle der inszenierten Momente; die als solche nicht gekennzeichnet werden, fragt man sich schließlich, was an diesem Film überhaupt „echt“ ist. Zumal, wenn sich herausstellt, dass es weder Dennis noch „Panik“ gegeben hat – zumindest gehen die Meinungen darüber auseinander, ob „Panik“ ein Puzzle aus Anekdoten war oder, wie Persiel gegenüber Journalisten behauptete, tatsächlich eine Szene-Größe darstellte.

Schauspieler als Zeitzeugen

Welchen Wert haben also die Erinnerungen der Freunde der offenbar konstruierten Hauptfigur die nach klassischer  Dokumentaristen-Manier als Referenzrahmen herhalten? Zumal sich einige dieser angeblichen Zeitzeugen rund um das Lagerfeuer als Schauspieler entpuppen? Und warum hat man den Eindruck, Regisseur und Produktion verschleiern die Hintergründe für die Entwicklung dieses Stoffes? 

Mit seinem Film will Marten Persiel, aufgewachsen in Westdeutschland und ebenfalls Ex-Skater, die unbeschwerte, in seiner Sicht globale Kraft der Jugend vom Ballast der Klischees über das Leben in der DDR befreien. Dafür hätte er in einem Spielfilm alle Freiheiten gehabt. Sein „dokumentarischer Trip“ fasziniert auf der Stilebene, doch inhaltlich führt er in die Irre. Das ist angesichts der aufklärerischen Rhetorik schlichtweg ärgerlich.

 

Info: This Ain't California. (D 2011/2012). Ein Film von Marten Persiel, 90 Minuten. Ab sofort im Kino

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