„Siebzig Acryl, dreißig Wolle“ ist ein zorniges Roman-Debüt. In rasendem Tempo und mit einem schier unerschöpflichen Reservoir an originellen Sprachbildern erzählt Viola Di Grado die traurige Geschichte von Camelia Mega. Sie lässt der Wut ihrer Heldin freien Lauf. Dabei entsteht ein dunkel funkelndes Glanzstück.
Von Seite eins an schleudert Camelia Mega, die junge Ich-Erzählerin des Romans, ihr giftiges Sprachfeuerwerk Richtung Leser. Sie erzählt von ihrem Leben im nordenglischen Leeds, wo der ewig trübe Himmel „weiß und runzlig wie ein Hühnerbein“ ist. Es ist immer kalt und in der Christopher Road, wo sie lebt, ist es außerdem ständig Dunkel, „wie beim Vorspann eines Films, wenn man darauf wartet, dass der Streifen endlich losgeht. Aber an der Christopher Road geht gar nichts los. Wenn überhaupt, hört etwas auf.“
Das eigene Leben findet nicht statt
Es sind aber weder Dunkelheit und Kälte noch die Hässlichkeit ihres Wohnorts, die den Zorn der Heldin entfacht haben. Auslöser ihrer Wut ist ihr Vater. Der ist bei einem Autounfall tödlich verunglückt, gemeinsam mit seiner Geliebten, die auf dem Beifahrersitz saß. Seitdem lebt Camelia alleine mit ihrer Mutter. Livia Mega, die einst wunderschöne Flötistin hat sich nach dem Tod ihres Mannes völlig zurückgezogen. Sie hat aufgehört zu sprechen, sich zu waschen und Flöte zu spielen. Wie ein Zombie schleicht sie durchs Haus, isst was ihre Tochter zubereitet und fotografiert Löcher – ob in Kleidungsstücken, Fußböden oder Wänden – mit einer Polaroidkamera.
Camelia hat ihr Chinesisch-Studium abgebrochen. Sie hat ihre erste eigene Wohnung, in die sie schon alle Umzugskartons transportiert hatte, nie bezogen. Als wäre ihr eigenes Leben abgesagt, weil ihr Vater in den Straßengraben, in das Loch, gefahren ist. In der Christopher Road verfällt die Ich-Erzählerin gemeinsam mit ihrer Mutter in eine Schockstarre: „Ich, die ich langsam in dem Loch krepiere, in dem mein Vater gestorben ist.“ Stumm lässt die sprachmächtige Autorin Camelia und ihre Mutter miteinander kommunizieren.
Jeden Tag von neuem Sterben
Um Geld zu verdienen übersetzt Camelia, die gebürtige Italienerin, Gebrauchsanweisungen eines italienischen Waschmaschinenherstellers ins Englische und hasst ihren Vater. „Nicht, weil er meine Mutter betrogen hatte, nicht, weil ihn das umgebracht und mich für immer eines Vaters beraubt hatte, sondern weil er nur ein einziges Mal gestorben war, während ich jeden Tag von neuem starb, und sie auch.“
Schon seit längerem fischt Camelia völlig verschnittene Kleidungsstücke aus dem Müllcontainer. Mit Hilfe einer Schere verunstaltet sie diese noch weiter. Sie trägt sie und trifft in diesen absonderlichen Klamotten Wen. Er erkennt die Kleidung, denn er ist es, der sie in den Container an der Christopher Road wirft. Die Ware kommt aus dem Laden in dem er arbeitet. Bald gibt Wen Camelia Chinesisch-Unterricht. Es sind die fremden Schriftzeichen, die Camelia die Sprache wiedergeben. Dass sie sich in Wen verliebt sorgt dafür, dass sie langsam aus ihrer Schockstarre erwacht.
So weit so gut. Doch Viola Di Grado ist damit längst nicht am Ende. Camelia liebt Wen, doch die Beziehung ist kompliziert. Sie schläft mit seinem Bruder Jimmy, was die Beziehung noch komplizierter macht und ihr Leben nicht einfacher. „Hätte ich gewusst, dass mich eine Leidenszeit auf Raten erwartete, die sich prompt drei Jahre später mit einer bescheuerten enttäuschten Liebe erneuern würde, dann hätte ich mich gleich umgebracht“, erklärt Camelia in ihrer schnörkellosen Art. Dass ihre Mutter einen eigenen Weg zurück ins Leben findet und damit aus der seltsamen Symbiose, die zwischen den beiden Frauen entstanden ist ausbricht, macht es für die Erzählerin nicht einfacher.
Schwergewichtiger Erstling
Viola Di Grado erzählt von Trauer und Verlust, vom Erwachsenwerden und von der Liebe. Sie nutzt die chinesischen Schriftzeichen genau wie die Gebrauchsanweisungen, die Camelia übersetzt, als Stilmittel. Sie geben Auskunft über Gefühle, die die Erzählerin nicht aussprechen würde. Denn Camelias Sprache ist rau, ihre Anklage radikal. So sanft die Empfindungen der jungen Frau sind, so tragisch ihre Geschichte – Di Grados Text verweigert dem Leser die angenehme Melancholie, in der er es sich bequem machen könnte.
Die Autorin schöpft aus dem Vollen. Sie gießt ihren sprachlichen Reichtum über den Leser – mit diesem Überfluss muss er selbst fertig werden. Im Buch lässt Di Grado ihre Heldin feststellen wie es auf der letzten Seite eines Romans eben ist, „bei der Du noch immer über das Ende nachdenkst, aber das Ende denkt nicht über dich nach, von ihm bleibt einfach nichts als eine weiße Seite, eine weiße, blöde Seite, die sagt, alles ist vorbei und jetzt schleich dich.“ Viola Di Grado ist Anfang 20. Ihr Roman-Erstling ist ein Schwergewicht, ein ungeheuerliches Buch, ein Leseerlebnis. In Italien wurde er mit dem renommierten Premio Campiello für das beste Debüt ausgezeichnet.
Viola Di Grado: „Siebzig Acryl, dreißig Wolle“, Luchterhand Literaturverlag, München 2012, 254 Seiten, 14,99 Euro, ISBN 978-3-630-87387-9







