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Icon   Sead Husic porträtiert Frauen von Srebrenica

Die Bürde des Überlebens

Anke Schoen • 25. June 2012

Ajka Husic und Esefa Alic im Porträt
Ajka Husic und Esefa Alic im Porträt (Foto: Sead Husic)

Der 11. Juli 1995 wirft noch immer einen langen Schatten: Die sogenannte UN-Schutzzone Srebrenica wurde von der Armee der bosnischen Serben erobert, rund 7000 Männer wurden getötet. Sead Husic fotografierte die hinterbliebenen „Frauen von Srebrenica“.  Zu sehen ist seine Ausstellung in der cubus Kunsthalle in Duisburg.

Etwa 30.000 Menschen flohen nach Tuzla, fast ausschließlich Frauen und Kinder. Die Männer aus Srebrenica kamen niemals an. Sie galten als verschollen, wurden umgebracht, ihre leblosen Körper verscharrt. Bis heute wurden viele nicht gefunden. Der Jüngste von ihnen war zwölf, der Älteste 77. Die Frauen tragen nun die Bürde des Überlebens.

Siebzehn Jahre ist das her, das Leid hat sich inzwischen auch in ihre Gesichter eingegraben. Bei vielen Frauen sind tiefe Falten um Mund und Augen zu erkennen. „Die meisten wirken älter, als sie tatsächlich sind“, erklärt Sead Husic, der mehr als 40 Frauen in einer leeren Fabrikhalle fotografiert hat. Für die Hinterbliebenen ist es ein belasteter Ort, den viele ihre Angehörige suchten hier Schutz, bevor sie umkamen.

Familien wurden ausgelöscht
Oftmals blieben die Frauen sprachlos, fanden keine Worte, um zu beschreiben, was ihnen angetan wurde. Ajka Husic, die Älteste der Frauen, hat mehr als 70 Verwandte verloren, die Jüngste ist 27 Jahre alt und trauert um ihren Vater. In einem von Sead Husic und Kai Toss produziertem Dokumentarfilm sagt Adivja Ibrahimović: „Man wird auf den Fotos das Leiden der Gesichter sehen.“

Eine Andere hat ihren damals 60-jährigen Vater und ihren Sohn verloren.  Jeden Morgen steht sie auf, ihr erster Gedanke gilt ihrem toten Kind. Wie sähe mein Sohn jetzt aus? Wäre er verheiratet? Hätte er Kinder? Ganze Familien wurden ausgelöscht, so, als hätte sie es niemals gegeben. Für manche Frauen aus Srebrenica ist das Leiden unerträglich geworden. Sie sind in die Welt geflohen. Den zurück geblieben Frauen fehlt oftmals die Kraft zur Auseinandersetzung mit den Tätern, die sich noch immer unter ihnen befinden. Sie arbeiten als Polizist oder als Beamte bei der Gemeinde.

Dem Leiden ein Gesicht geben
Sead Husic gibt dem Leiden ein Gesicht. Seltsam distanziert erschienen ihm Reportagefotos, die die weinenden Frauen an den Gräbern ihrer Männer zeigten. In dieser Ausstellung steht nicht die Kunst, sondern der Mensch im Fokus. Für seine 120 mal 90 Zentimeter großen Potraits verwendet er einen hoch auflösenden schwarz-weiß Film. Retuschieren und Nachbearbeiten sind unmöglich, auch der Aufwand im Labor ist größer als mit einer Digitalkamera. Nichts kann an diesen Aufnahmen beschönigt werden, jeder Print ist ein Unikat.

Die Frauen wurden nicht geschminkt, abgelichtet wurde ihre nackte Einzigartigkeit: die Falten, die kleinen Altershärchen auf dem Kinn, die traurigen Augen. Er rückt sie ins rechte Licht, sodass der Blick des Betrachters auf dem Wesentlichen ruht. Srebrenica markiert den Höhepunkt der Massenmorde und der ethnischen Säuberungen in Bosnien. Die Porträs sind auch Mahnung. Die Frauen von Srebrenica ließen sich ablichten, um vor dem Vergessen zu bewahren.

cubus Kunsthalle Duisburg | Die Frauen von Srebrenica. Fotografien von Sead Husic | 15.6. - 15.7

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