Wahnsinn Amerika

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Amerikanisches Tagebuch

Kai Doering • 22. October 2012

Klaus Scherer: Wahnsinn Amerika
ARD-Korrespodent und Autor: KLaus Scherer (Foto: Piper Verlag)

Mythos, Feindbild, gelobtes Land: Amerika ist vieles. Für ARD-Korrespondent Klaus Scherer ist es schlichtweg „Wahnsinn“. Unter diesem Titel hat er seine Erlebnisse aus vier Jahren USA in einem Buch zusammengefasst.

Was ist das nur für ein Land! Ein Land, in dem die Menschen an der einen Küste gerade anfangen zu arbeiten, während die an der anderen bereits in die Mittagspause gehen. Ein Land, das für sein Militär jedes Jahr Milliarden ausgibt, in dem aber Pizza als Gemüse eingestuft wird, um Geld beim Schulessen zu sparen. Und ein Land, in dem ein Schwarzer vor vier Jahren zum Präsidenten gewählt wurde und dessen Politik seitdem von einer extremen Gruppierung der Opposition kategorisch blockiert wird. „Wahnsinn Amerika“ – der Titel, den Klaus Scherer seinem Buch gegeben hat, wird den Facetten des selbst erklärten Lands der unbegrenzten Möglichkeiten vollkommen gerecht.

Vier Jahre hat der ARD-Korrespondent in den Vereinigten Staaten verbracht und in dieser Zeit nicht nur für „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ über aktuelle Politik berichtet, sondern bei unzähligen Reisen zwischen Washington und San Franzisko und Texas und Alaska die Menschen kennengelernt, die dieses vielschichtige und vielgesichtige Land ausmachen: Scherer hat Indianern zugehört, die Schülern erzählen, wie der Wind entsteht; er hat sich vom Direktor durch ein modernes Hochsicherheitsgefängnis führen lassen, dem nur eines fehlt: die Gefangenen; und er hat an den Gedenkfeierlichkeiten zum zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September teilgenommen – im Frühnebel auf einer Wiese irgendwo in Pennsylvania.

Ein Reporter im besten Sinne

All diese und noch viele andere Geschichten erzählt Klaus Scherer in seinem Buch und zeichnet damit ein sehr subjektives und gleichzeitig vielseitigstes Bild von Amerika. Das Land und seine Bewohner haben es dem Journalisten angetan – das scheint durch jede Geschichte – und doch versucht er, mal ironisch, mal analytisch Distanz zu wahren. Scherer ist hier Reporter im besten Sinne: Er beschreibt, was er sieht und macht es für den Leser nachvollziehbar. Der leichte Erzählton macht das Lesen zu einem echten Vergnügen. Episode um Episode reiht Scherer seine Geschichten aneinander und schafft so ein wahres Panoptikum eines Landes der Extreme.

Wie es sich für einen politischen Korrespondenten gehört, kommt dabei die Politik nicht zu kurz. Ganz im Gegenteil: Die Geschichten, die Scherer erzählt, illustrieren politische Zusammenhänge sehr anschaulich. Zum Beispiel die Krankenversicherung: Wer Scherers Reportage über „Remote Medical“ liest, eine Art medizinische schnelle Eingreiftruppe, die ehrenamtlich und unter freiem Himmel all diejenigen behandelt, die „zu jung sind für die staatliche Altersversorgung ,Medicare’, noch nicht verarmt genug für die Wohlfahrtskasse ,Medicaid’ und noch zu gesund für die Notaufnahme einer Klinik“, wird den Kampf um die Gesundheitsreform von Präsident Obama mit anderen Augen sehen.

Gutes Zeugnis für Obama

Klar, dass auch der aktuelle Wahlkampf und die Auseinandersetzung zwischen Amtsinhaber Obama und Herausforderer Mitt Rommney einen wichtigen Platz in Scherers Buch einnehmen. Er fasst dabei nicht nur die Vorwahlen der Republikaner mit großem Sachverstand zusammen, sondern analysiert auch die Sieg-Chancen der beiden Kandidaten mit dem Wissen des politischen Beobachters.

Scherers Bewertung von Obamas erster Amtszeit fällt so auch positiver aus als es hierzulande häufig zu lesen ist. „Weil Barack Obama vor vier Jahren den Eindruck machte, er könne sein Land reformieren, wurde er auch von vielen Deutschen geschätzt. Weil er es nicht so schnell und so umfassend wie erwartet schaffte, waren ebenso viele enttäuscht. Aber ist das fair?“, fragt Scherer und schiebt seine Antwort gleich nach: „Gemessen an den Brocken, die er, wie man hier sagt, auf dem Teller hat, erscheint er mir noch immer als einer der fähigsten Politiker, die die Welt derzeit zur Verfügung hat.“

Doch auch wenn Obama die Wahl im November gewinnen und vier weitere Jahre im Weißen Haus regieren sollte: Klaus Scherer wird nicht mehr über ihn berichten. Mit seiner Familie ist er im Sommer nach Deutschland zurückgekehrt. „Wahnsinn Amerika“ ist damit nicht nur das vierjährige Tagebuch eines Reporters, sondern auch so etwas wie sein journalistisches Vermächtnis.

Klaus Scherer: Wahnsinn Amerika. Innenansichten einer Weltmacht, Piper Verlag 2012, ISBN: 9783492055314, 18,99 Euro

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