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Das wahre Steinbrück-Rätsel

Uwe Knüpfer • 08. October 2012 • 13:25

Peer Steinbrück am 28.9.2012 bei der Verkündung der Kanzlerkandidatur im Berliner Willy-Brandt-Haus.
Peer Steinbrück am 28.9.2012 bei der Verkündung der Kanzlerkandidatur im Berliner Willy-Brandt-Haus.   (Foto: Dirk Bleicker)

Um Peer Steinbrücks Redner-Honorare ist eine merkwürdige Debatte entbrannt. Dabei wird das Erstaunlichste beharrlich übersehen: Hier verzichtet jemand auf viel Geld, um seinem Land und seiner Partei dienen zu dürfen.

Am Tag seiner Ausrufung zum designierten SPD-Kanzlerkandidaten hat Peer Steinbrück erklärt, ab sofort halte er keine bezahlten Vorträge mehr. Dank der üppigen Berichterstattung der letzten Tage wissen wir, dass ihm so während der nächsten zwölf Monate rund eine halbe Million Euro verlorengehen dürfte. Geld, das ihm zugeworfen würde,  wäre er geblieben, was er seit drei Jahren ist: elder statesman mit Redetalent und großer Reputation. 

Nun lässt sich einwenden, er brauche das Geld ja nicht - schließlich bezieht Steinbrück für ein Leben im Staatsdienst Pensionen.  Buch-Tantiemen kommen hinzu. Doch wer sagt schon nein, wenn ihm leicht zu verdienendes Geld angeboten wird? Millionen Deutsche spielen wöchentlich Lotto, um rasch an Geld zu kommen, das sie nicht unbedingt brauchen. Es soll sogar einige geben, die sich diebisch freuen, wenn sie das Finanzamt austricksen können - und Geld behalten, das ihnen nicht einmal zusteht. 

Und es ist ja nicht nur Geld, auf das Steinbrück verzichtet. Mehrfach hat er in den letzten Jahren glaubhaft dargelegt, welche Freude ihm das Leben in Unabhängigkeit bereite, mit "Zeitsouveränität" und der Freiheit zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Damit ist es jetzt schlagartig vorbei. Als Kanzlerkandidat begibt sich Steinbrück in ein Korsett. Termine werden jetzt für ihn gemacht. Seine Worte muss er sorgfältig wägen. Er spricht nicht mehr nur für sich allein. Er muss lernen zu gefallen. Und: Seine Familie wird er immer seltener sehen, je näher der Wahltermin rückt.

Wer Steinbrück gerecht werden will, frage sich also: würde ich handeln wie er? Wäre ich bereit, freiwillig Zwölf- bis Sechzehnstundentage auf mich nehmen, unter Verzicht auf Wochenenden? Wäre ich bereit, mich jederzeit öffentlich verunglimpfen zu lassen - wenn ich doch auch so komfortabel leben könnte? Und dann noch auf einen sicheren Lottogewinn zu verzichten?

Peer Steinbrück selbst hat sein Motiv, so scheinbar irrational zu handeln, schnoddrig mit "Eitelkeit" beschrieben. Das glaubt man ihm gern, allein: als alleiniges Motiv überzeugt es nicht. Da muss noch etwas hinzugekommen sein. Etwas, das einer schwer über die Lippen bekommt, der sich gerne cool und sarkastisch gibt.  

Könnte es Pflichtbewusstsein sein? Überzeugtes Staatsbürgertum? Dankbarkeit gegenüber einer Partei und einem Land, die ihn haben werden lassen, was er heute ist.

Das Wort "dienen" ist aus der Mode gekommen. Aber es beschreibt vielleicht am ehesten, was Steinbrück gerade zu tun beginnt.  Denn wahr ist doch: Er braucht die Kanzlerkandidatur nicht. Aber die SPD, Deutschland und Europa können, gerade jetzt,  einen wie ihn sehr gut gebrauchen. 

Was auch immer Steinbrück antreibt: es lohnte sich, darüber ernsthaft und ehrlich zu sprechen, bei Jauch und Co. und auch am Küchentisch - statt nur neidvoll zu fragen, wieviele Euro genau für welche Rede bezahlt worden ist.

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