Ein Jahr Gleichstellungsbericht

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Icon   Diskussionsveranstaltung zum Gleichstellungsbericht

Getrübter Geburtstag

Marcus Ullrich • 24. June 2012

Den ersten Geburtstag des Gleichstellungsberichts der Bundesregierung begeht die Friedrich-Ebert-Stiftung im Juni mit einer Diskussionsveranstaltung. Die Bilanz nach einem Jahr fällt gemischt aus.

Leider ist Gleichstellung meist noch eine Frauendomäne. Das Publikum der Diskussionsveranstaltung „Happy Birthday- Gleichstellungsbericht- Aber wie geht weiter?“ in der Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung ist deshalb fest in weiblicher Hand. Der Gleichstellungsbericht wurde vor einem Jahr von einer wissenschaftlichen Expertenkommission vorgestellt. Auf das Podium- neben der ehemaligen Familienministerin Renate Schmidt, der Bloggerin Katrin Rönicke, Elisabeth Niejahr von der ZEIT und dem Hauptvorstand der IG Bergbau Yasmin Fahimi- schafft es ein Mann. Hans Georg Nelles. Geschäftsführer von „Vater&Karriere“. „Vater&Karriere“ berät Unternehmen, die Potentiale aktiver Vaterschaft zu nutzen.

Besser geht es nicht

Schmidt macht zu Beginn etwas, was Politiker selten tun. Sie lobt den politischen Gegner: „Der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung ist hervorragend. Besser geht es nicht!“ Aber der beste Bericht hilft nichts, wenn die Probleme, die er aufgreift, nicht gelöst würden. Und da gäbe es laut Schmidt noch viel zu tun. Immer noch hätten es Frauen in Familie, Beruf, Politik schwerer als Männer. Gleichstellungsarbeit benötige deshalb die notwendigen finanziellen Mittel, meint die  engagierte Ex-Ministerin, „das muss auch endlich bei Herrn Schäuble ankommen- bei Hans Eichel war das nicht anders“. Die Freitag-Bloggerin Katrin Rönicke stimmt ihr zu: „Hätte ich nicht das Glück ein Stipendium zu erhalten, würde ich Kindererziehung und Studium kaum unter einen Hut bringen.“

Abbau institutioneller Fehlanreize

Einig ist man sich, dass es die Hauptaufgabe der Politik sei, endlich den Abbau institutioneller Fehlanreize anzupacken. Das Ehegattensplitting oder kostenlose Krankenkassen-Mitversicherung beim Partner führten langfristig zur Einschränkung von Handlungsoptionen. Denn in späteren Jahren erweist sich längeres Fernbleiben vom Arbeitsmarkt oft als großes Armutsrisiko für Frauen. Um Gleichstellung voranzutreiben, bräuchte es mehr Beschäftigung  und nicht neue Anreize,  zu Hause blieben, betont die Gewerkschafterin Yasmin Fahimi .Weiterbildungsmöglichkeiten für Frauen müssten enorm gesteigert werden, um einen qualifizierten Wiedereinstieg in die Berufswelt zu ermöglichen.

Arbeitswelt verändern

Alle Teilnehmer klagen  über die Bedingungen der modernen Arbeitswelt. Unterschiedliche Bezahlung, verschiedene Aufstiegsmöglichkeiten, mangelnde Betreuungsmöglichkeiten würden besonders Frauen benachteiligen. Aber auch geschlechterneutrale Belastungen stehen für die Runde im Vordergrund. Wachsender Druck, steigende Zielvorgaben, ununterbrochene Erreichbarkeit beträfen beide Geschlechter. Dennoch litten Frauen stärker darunter und zögen sich mehr aus der Berufswelt zurück, meint Yasmin Fahimi.

Änderung dieser Verhältnisse könne die Politik aber nicht alleine stemmen. Die Lösung der Probleme sei eine „gesellschaftliche Mammutaufgabe“. „Es müsste sich in den Führungsebenen einfach mal einer hinstellen und sagen: Ich mach das nicht mehr mit. Ich schalte einen Gang runter. Und erledige private Dinge auch während der Arbeitszeit!“, konstatiert Hans Georg Nelles und erfährt dafür Zustimmung.

Erster Schritt 

Abschließend ist es allen wichtig, den Bericht zu loben. Versehen mit der Mahnung, dass dieser nur der erste Schritt sei. In allen Bereichen- Politik, Wirtschaft, Gesellschaft müsse sich noch viel ändern.

Selbst in den Familien gehe der Wandel langsam voran. „Warum lassen wir Weiber uns immer noch so viel gefallen?“, fragt Schmidt in den Raum. Wieder nickt der Saal. Ungetrübte Feierstunden sehen anders aus.

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